Animarider (7)

Als Nathalie nach Hause ging war sie tief in sich gekehrt. Sie dachte über all das nach was sie heute mit Marc erlebt, was sie ihm alles anvertraut hatte. Er wusste beinahe alles von ihr. Er selbst war etwas zurückhaltender mit der Selbstoffenbarung, was sie zeitweise etwas geärgert hatte. So sehr sie sich auch zu diesem Mann hingezogen fühlte, er war ihr doch sehr verschlossen vorgekommen.

Etwa um 23Uhr traf sie zu Hause ein. Sie ging sofort zu ihrem Bücherregal, wo ein Werk über die Mythen der Indianer stand. Sie blätterte darin, um die Geschichte von der „Weissen Büffelkalbfrau“ zu suchen. Ziemlich bald fand sie sie, setzte sich aufs Sofa und begann zu lesen…

„Der Büffel nahm bei den Indianern immer eine wichtige Stellung ein,“ vernahm sie plötzlich eine unbekannte Stimme hinter sich. Sie fuhr entsetzt herum. Neben dem halboffenen Fenster stand ein fremder Mann. Er war einfach aus dem Nichts aufgetaucht! Er musste ziemlich alt sein, seine rötlichbraune Haut wirkte wie gegerbtes Leder. Er besass schneeweisses Haar und tiefgründigen schwarzen Augen, die wie Sterne leuchteten. Seine gewaltige Präsenz erfüllte den ganzen Raum. Er trug ein Wildlederhemd, verziert mit indianischen Perlenstickereien und dazu normale Blue Jeans.

„Wer… um alles in der Welt sind sie?“ fragte Nathalie. „Wie kommen sie hier rein?“

Der Fremde lächelte gütig und meinte in gebrochenem Deutsch: „Zum ersten Punkt, man nennt mich bei meinem Volke Wandernder Bär, die Weissen nennen mich William Greatbear. „Zum zweiten Punkt: das wirst du noch früh genug erfahren.“ „Aber was wollen sie hier?“

Der Fremde trat näher und Nathalie wich etwas zurück, auch wenn sie nicht wirklich glaubte, dass von diesem Mann eine Gefahr ausging. Er fragte: „Darf ich mich setzen?“ „Äh, von mir aus. Wollen sie... etwas zu trinken?“ fragte sie, selbst überrascht von ihrer Spontanität. „Oh, das ist nett! Aber nein danke. Ich habe dir viel zu sagen.“ Nathalie nickte und gab so zu verstehen, dass es an der Zeit war damit rauszurücken. „Du bist sehr freundlich mein Kind. Es ist beruhigend für mich das zu sehen. Du hast den guten Weg nicht verlassen.“ „Was meinen sie damit und woher wollen sie das wissen?“ „Ich beobachte dich schon eine ganz Weile und was ich sehe erfreut mich.“ „Sie beobachten mich!“ rief Nathalie aus „Was zum...“ „Ich weiss es klingt seltsam, aber ich erkläre es dir noch. Ist es nicht so, dass du dich oft nach etwas sehnst? Nach etwas, dass sich nicht so richtig in Worte fassen lässt?“ Nathalie überlegte einen Moment dann meinte sie: „Ja, da ist schon was.“ „Warum liest du z. B. diese Geschichte über die Büffelkalbfrau?“ „Nun ja...weil mich die indianische Kultur sehr fasziniert und ich mich den Indianern sehr verbunden fühle. Es ist oft ...als würde ich ihr Leid nachempfinden.“ „Es ist also nicht nur eine romantische, aber oberflächliche Begeisterung?“ „Nein, ganz und gar nicht, es ist... eine tiefe Bindung zu diesen Menschen, die soviel Kummer erfahren mussten und noch erfahren.“ Wandernder Bär senkte traurig den Blick und meinte leise: „Ja, da gibt es viel Kummer...“ „Sind sie ein Indianer?“ „Man könnte es so sagen, auch wenn der Ausdruck Indianer eigentlich nicht stimmt. Er wurde uns von den Weissen einst gegeben.“ Nathalies Herz klopfte aufgeregt. Noch nie hatte sie sich persönlich mit einem der amerikanischen Ureinwohner unterhalten. Wandernder Bär schien sehr weise zu sein, vielleicht war er sogar ein Medizinmann oder Schamane.

Als ob Wandernder Bär ihre Gedanken gehört hätte meinte er: „Ja, ich bin ein Schamane bei meinem Volk.“ „Wirklich? Aber was könnte ein Schamane von mir wollen?“ Wandernder Bär erwiderte: „Es mag jetzt sehr fremd in deinen Ohren klingen, aber wir beide... kennen uns schon sehr lange.“ „Wie genau meinen sie das?“ „Glaubst du an mehrere Leben mein Kind?“ „Nun ja... ich habe mich noch nicht so intensiv damit befasst, kann es mir aber gut vorstellen. Es gibt viele Kulturen, die dieses Gedankengut pflegen. Für mich kling es plausibel, dass es mehrere Leben gibt. „Wenn du nun also meinen Worten Glauben schenken willst, so sind du und ich schon durch mehrere gemeinsame Leben gegangen. Ich bekam von Wakan Tanka dem Grossen Geist die Gabe Einblicke in diese Leben zu erhalten. Deshalb weiss ich, dass du schon vor endlos langen Zeiten meine Schülerin warst. Man nannte dich Sunkmanitutanka- die Wölfin oder kurz Suna.“ „Vor endlosen Zeiten soll das gewesen sein? Wie meinen sie das?“ „Das ist schwer zu verstehen. Du stammst jedenfalls von einem sehr wichtigen Geschlecht ab, dass es einstmals auf Erden gab. Man nannte dieses Geschlecht die „Allessehenden“. Sie bewegten sich zwischen der Welt der Tiere und der Menschen mit der grössten Selbstverständlichkeit, waren Teil beider Familien. Damals...waren die Tiere noch anders. Sie waren eigentlich wie Menschen, redeten und schrieben sogar. Nur ihre Körper unterschieden sich von denen der Menschen. Diese „ersten“ Menschen nannte man Sternkinder, denn sie fielen einst vom Himmel herunter auf die Erde. Das kannst du in den indianischen Legenden nachlesen. Du bist eine der „Allessehenden“ Nathalie. Es ist deine Berufung das alte Erbe in dir wieder neu zu erwecken und so zur „Animal Rider- in“ zu werden. Animal Rider ist der heutige Ausdruck für die „Allessehenden“. Ich bin gekommen um dich in diese wichtige Aufgabe einzuführen.“ Nathalie war erst sprachlos, dann konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen. „Du weisst das diese Geschichte für mich sehr absurd klingt „Wandernder Bär“. (sie duzte den Indianer plötzlich, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein) Es ist ein Märchen, ein wunderschönes Märchen aber nicht mehr. Wie kannst du von mir erwarten das zu glauben?“ „Ich habe gedacht, dass du das sagen wirst, aber dennoch bitte ich dich darüber nachzudenken. Was war da noch mit dem Hirsch im Wildpark?“ „Das mit dem Hirsch, aber woher...“ „Ich sagte bereits, ich beobachtete dich schon länger. Erinnerst du dich an die Krähe, die über dir im Baum sass, als du mit dem Hirsch gesprochen hast? Oder an das Wiesel, dass deinen Weg vor einigen Tagen kreuzte? Das war ich.“ „Du? Willst du mir jetzt etwa weismachen, dass du dich in Tiere verwandeln kannst?“ „Wie glaubst du, bin ich wohl so plötzlich in deiner Wohnung erschienen? Fledermäuse kommen durch jedes halboffene Fenster.“ „Du bist als Fledermaus rein gekommen. Das ist ja richtig unheimlich. Es gibt da so Geschichten über Vampire.“ „Ich kenne diese Geschichten wohl,“ meinte der Indianer etwas verärgert. „Es ist eine schlimme Degradierung von Schwester Fledermaus. Doch darüber will ich nicht mit dir diskutieren. Es geht darum, dass du es schon mal geschafft hast mit einem Tier zu kommunizieren. Diese Gabe liegt in deinem Geist begründet. Du hattest einst als Animal Rider gar die Möglichkeit dich so wie ich, in verschiedene Tiere zu verwandeln. Doch diese Gabe gilt es erst wieder in mühsamen Schritten zu erlernen.“ Nathalie sah den alten Mann ungläubig an. „Du glaubst das tatsächlich, nicht?“ „Ich weiss es. Denn ich weiss dass du einst meine Schülerin warst. Einst als die Tiere und Menschen noch Freunde, sich in allem noch gleich waren, ausser in ihrer körperlichen Gestalt.“ „Aber das ist Unsinn!“ rief das Mädchen aus. „Das gibt es nicht!“ „Nur weil du das als aufgeklärte Europäerin nicht mehr glauben kannst?“ Nathalie war sprachlos. Schliesslich aber rief sie: „Dann beweise es mir! Verwandle dich vor meinen Augen in ein Tier und ich will es glauben.“ Wandernder Bär lächelte etwas mitleidig, dann meinte er: „Nein mein Kind. Das wäre nicht der richtige Weg. Du musst den Glauben in deinem eigenen Herzen finden. Wenn es so weit ist, ruf mich einfach und ich komme wieder. Dann zeige ich dir Dinge die sich deiner Vorstellung entziehen. Es liegt bei dir. Willst du den Weg der Animal- Riderin erneut beschreiten, oder willst du weiter leben wie bisher? Solltest du dich für ersteres entscheiden, bedenke dass es ein anstrengender Weg sein wird. Doch wenn du am Ziele anlangst, wirst du Wunderbares erfahren und in der Welt Grosses bewirken können. Denk also drüber nach.

Wärst du nun so höflich mir die Tür zu öffnen....“

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