II.5 - Im Strudel der Gefühle

„Wir haben unsere gemeinsamen Nachhilfestunden schon viel zu lange schleifen lassen."

Ohne Ankündigung trat Tom in Hermines Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie zuckte zusammen, als er so plötzlich auftauchte, doch sie protestierte nicht. Längst war ihr klargeworden, dass ihr eigenes Zimmer hier im Schloss nicht so sicher und geborgen war, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie musste jederzeit damit rechnen, dass Tom – so wie jetzt – unangekündigt eintrat, entsprechend sorgsam ging sie mit ihren Büchern, Notizen und sogar ihren Gedanken um. Auch, wenn er offenbar noch nicht jener große Legilimentor war, der er später einmal sein würde, wollte sie doch kein Risiko eingehen.

Ihr Blick fiel auf ein sehr dickes, sehr altes Buch, das er in den Händen hielt: „Ein weiteres Objekt aus der Verbotenen Abteilung?"

Zu ihrem Erstaunen grinste er und schüttelte den Kopf: „Nein, dieses Buch ist frei zugänglich, auch wenn ich bezweifle, dass einer unserer Mitschüler es jemals aus dem Regal ziehen würde."

Neugierig, was Tom mit einem für alle einsehbaren Buch wohl wollen konnte, verließ Hermine den Platz an ihrem Schreibtisch, um sich mit ihm zusammen auf ihr Bett zu setzen. Wann war es nur so selbstverständlich für sie geworden, mit Tom zusammen auf ihrem Bett zu sitzen?

Er legte das Buch zwischen ihnen ab und drehte ihr den Titel so hin, dass sie ihn lesen konnte: „Meditation für Magier?"

Noch immer mit einem überlegenen Grinsen auf den Lippen nickte er: „Ja. Ich bin mir bewusst, dass kaum ein Zauberer die Meditation praktiziert, doch ich halte das für fahrlässig. Wir Zauberer und Hexen haben eine Quelle der Macht in uns. Je mehr wir über diese wissen, je mehr wir sie kennen, umso leichter ist sie zu kontrollieren."

Skeptisch hob Hermine eine Augenbraue: „Wenn ich mich recht erinnere, warst du von der Kontrolle gar nicht so begeistert, im Gegenteil. Waren es nicht deine Worte, dass wir unsere Macht entfesseln müssen?"

Belehrend hob Tom einen Finger: „Es ist ein Unterschied, ob ich etwas kontrolliere, oder ob ich es unterdrücke. Jedes Kind hat eine entfesselte Quelle der Macht. Sie ist noch nicht ausgereift und stark, wie es bei erwachsenen Zauberern der Fall ist, aber es ist ausreichend, um unabsichtlich kleinere Zaubersprüche auszuführen. Oder um auch mal was in Brand zu stecken. Die Zauberkraft ist da, unkontrolliert, entfesselt."

Hermine verstand, was er mit der unkontrollierten Magie meinte – sie selbst hatte diverse merkwürdige Dinge in ihrer Kindheit erlebt, die sie später durch Magie hatte erklären können. Doch ihr war noch nicht ganz klar, was er mit der Meditation wollte: „Also willst du, dass wir unsere Magiequelle noch mehr kontrollieren, als wir es eh schon tun?"

Seufzend rieb er sich den Nasenrücken, als habe er es mit einem sehr dummen Kind vor sich zu tun: „Nein, mein Herz, nicht noch mehr. Anders."

Er schlug das Buch auf und blätterte zu einem der einführenden Kapitel, in welchem theoretisch über das Wesen der Magie in Zauberern und Hexen gesprochen wurde. Er tippte auf eine Abbildung, die die Quelle im Inneren eines Menschen als Lichtball präsentierte: „Hier, das ist die Quelle der Macht. Natürlich haben wir keine Lichtkugel in uns, aber als Visualisierung funktioniert das ganz gut. In unserer Kindheit ist der Ball noch recht klein, er kann sich nach allen Seiten frei entladen. Je mehr wir ihn nutzen, umso mehr wächst er, wobei jeder Zauberer und jede Hexe unterschiedliches Potential haben. Allerdings, und darüber haben wir gesprochen, führt die Art der Unterrichtung, wie wir sie hier erfahren, dazu, dass wir eine Schutzhülle um den Ball legen, die immer nur einen winzigen Strom hindurch lässt. Wir aktivieren stets nur einen Teil der Energie, und mit jedem Mal, da wir unter diesen selbst auferlegten Schranken zaubern, schließt sich der Ring enger."

Hermine nickte: „Ja, das hast du alles schon mal gesagt. Die Ketten, die uns fesseln, die Ketten, die wir abwerfen müssen."

Lobend streichelte er ihren Kopf: „Also hast du zugehört. Brav."

Sie warf ihm einen mörderischen Blick zu: „Ich mag es nicht, wenn du mich so von oben herab behandelst."

Er lachte leise, während er seine Hand auf ihre Wange wandern ließ: „Ich werde dich solange von oben herab behandeln, mein Herz, bis du mir beweist, dass du einer anderen Behandlung würdig bist. Also, streng dein hübsches Köpfchen an und versuche wenigstens, mir zu folgen."

Ungläubig schnaubte Hermine, doch sie tat, was er von ihr verlangte. Offensichtlich hatte Tom zwar einerseits durchaus realisiert, dass sie ihm das Wasser reichen konnte und nicht nur intelligent, sondern auch magisch stark war. Aber ebenso offensichtlich fiel es ihm schwer, seine chauvinistische Art, die ihm die Gesellschaft der Zeit antrainiert hatte, und sein ganz eigenes, narzisstisches Überlegenheitsgefühl wirklich abzulegen. Er tat besser daran, sie nicht zu unterschätzen, doch für den Augenblick fügte sie sich. Sie war zu neugierig.

Schweigend überflog sie die Zeilen des Kapitels, und mit jedem Absatz, den sie las, verstand sie mehr, worauf Tom hinauswollte. Der Ball als Symbol der Quelle der Macht war tatsächlich hilfreich. Wie die Sonne, die manchmal Eruptionen kilometerweit in das Weltall schleuderte, so konnte auch die Energiequelle aus Versehen Magie entladen. Der Umgang mit dem Zauberstab, die Sprüche, die einfach und meist für gut Zwecke gedacht waren, die exakten Handbewegungen, all das diente dem Zweck, die Energiekugel zu umschließen und nur eine kleine Öffnung zurückzulassen, über die der Magier ohne großen Aufwand seine Magie anzapfen konnte.

Das Kapitel ging darauf nicht ein, doch Hermine fragte sich unwillkürlich, was wäre, wenn der sichernde Schutz nicht da war. Würde sie dann auch jetzt noch manchmal aus Versehen Dinge in Brand stecken, wie sie es in ihrer Kindheit getan hatte? Tom wollte offensichtlich, dass sie den Schutz entfernten – und da sie davon ausging, dass er nicht vollkommen wahnsinnig war, musste er sich einen Weg überlegt haben, wie die Quelle der Macht auch ohne einen Schutz zu kontrollieren war.

Entfesseln, aber kontrolliert.

Vielleicht ergaben seine Worte vom Anfang doch Sinn. Ein aufgeregtes Zittern erfasste sie bei der Vorstellung, ihr ganzes magisches Potential ausschöpfen zu können.

„Ich sehe, du hast endlich begriffen", riss Tom sie aus ihren Gedanken: „Schön."

Eine Frage brannte in Hermine: „Als ich im Krankenflügel lag, nach unserem letzten Duell ... du hast es auch gespürt, oder? Die Elektrizität in der Luft?"

Seine Augen leuchteten auf: „Ja. Das ist ein ausgezeichneter Hinweis. In dem Moment hat meine Quelle der Macht deine gespürt und umgekehrt. Sie haben sich gegenseitig freigesetzt, unkontrolliert, aber ... berauschend."

Langsam nickte sie: „Berauschend. Ja. Das war es auf jeden Fall."

Etwas anderes drängte aus ihren Erinnerungen hervor. Das erste Mal, als sie mit Tom geschlafen hatte. Da war dieses Etwas in ihr gewesen, wie ein schwarzer, riesiger Abgrund, der sie verschlungen hatte. Es hatte ihr unendlich Angst bereitet, und so hatte sie versucht, danach nie wieder dran zu denken. Doch jetzt war die Erinnerung wieder da, klarer als je zuvor, sie verlangte geradezu nach Hermines Aufmerksamkeit. Tom hatte nicht nur von Magie gesprochen, als er ihr seine Theorie über Fesseln erzählt hatte, sondern auch über Moral ganz allgemein. Diese Schwärze, dieser riesige Abgrund. War das ihr Potential als Mensch? Ihr rationalen, empathischen Fähigkeiten, wenn sie nur zuließ, sich von sozialen Normen zu lösen?

Sie erinnerte sich gut. Tom hatte sie gedemütigt, gedemütigt auf eine Weise, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Er hatte ihr den absoluten Kontrollverlust aufgezwungen, hatte ihr gezeigt, dass sie zulassen würde, sich von ihm benutzen zu lassen. Er hatte sie zu einem Objekt degradiert. Sie hatte sich gewehrt, innerlich, hatte versucht, an ihrer Würde festzuhalten, sich einzureden, dass sie ihm absichtlich gab, was er wollte, dass es ihre Entscheidung gewesen war, dass sie ihn so manipulieren konnte. Doch in dem Moment, als Tom, völlig beschäftigt mit seiner eigenen Lust, sie unerbittlich als Seins markiert hatte, als sie alle rationalen Gedanken aufgegeben hatte, da war die Schwärze gekommen. Und mit ihr ein Orgasmus, ein Gefühl der Lust, das alle vorige Demütigung vergessen machte. Sie hatte Panik empfunden ob des fremden Gefühls.

Plötzlich wurde sich Hermine bewusst, dass Tom näher an sie herangerückt war, dass der Daumen jener Hand, die noch immer auf ihrer Wange ruhte, ihre Lippen liebkoste, während die andere ihre Schenkel streichelte.

„Du erinnerst dich, mh?", flüsterte er mit rauer Stimme: „Du erinnerst dich an mich. An uns. Wie du dich hingegeben hast."

Hermine erzitterte: „Ja. Du warst so ..."

„Unerbittlich?", schlug Tom leise vor, während seine Lippen sich ihrem Ohr näherten: „Hart? Rücksichtlos?"

Die Worte ließen sie im Stich und so nickte Hermine nur. Seine körperliche Nähe schien all ihre Gedanken, all ihre Bedenken zu stoppen, sie ließ nichts zurück außer reiner, unverstellter Lust. Ein Stöhnen entfloh ihrer Kehle.

„Rousseau hatte recht", murmelte Tom: „Frauen sind die Wesen mit dem stärkeren Sexualtrieb. Und gleichzeitig seid ihr so viel besser darin, ihn zu kontrollieren."

Mehrmals schluckte Hermine, ehe sie in der Lage war, einen anständigen Satz zu formulieren: „Du hast Rousseau gelesen?"

Langsam zwang Tom sie mit seinem ganzen Körper dazu, sich rückwärts sinken zu lassen, bis sie unter ihm lag, seine Beine rechts und links von ihr, seine eine Hand in ihren Haaren vergraben, während die andere unaufhörlich Kreise auf der Innenseite ihrer Oberschenkel zog. Im Gegensatz zu ihr schien er völlig unbeeindruckt von dieser Intimität. Beinahe spöttisch erwiderte er: „Was? Ich darf ihn nicht lesen, weil er Muggel war? Die Moralphilosophie der Aufklärung hatte viele interessante Gedanken. Besonders die Franzosen waren sehr erfinderisch."

Hermine erinnerte sich, dass im Haus ihrer Eltern einige philosophische Werke standen. Sie hatte von Rousseau nur aus den Unterhaltungen ihrer Mutter gehört, doch sie wusste, er war ein bedeutender Denker. Was die Tatsache, dass Tom ihn – und andere Philosophen der Zeit, wenn man seinen Worten Glauben schenken durfte – gelesen hatte, nur umso gefährlicher machte. Seine Ideen über Moral und Magie hatten eine theoretische Unterfütterung, die es schwer machte, ihm etwas entgegen zu setzen.

Tom hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann richtete er sich ruckartig auf und gab Hermine frei. Langsam, noch immer benommen von der plötzlichen Lust, die sie überrollt hatte, richtete sie sich ebenfalls wieder auf. Sie musste sich merken, dass sie so auf ihn reagierte. Sie musste sich unbedingt bewusst machen, wie gefährlich er ihr werden konnte. Sie durfte nicht vergessen, dass es ihr Ziel war, ihn zu töten.

Sie schluckte.

Darüber dachte sie besser ein Andermal nach. Für den Augenblick war es sowieso irrelevant. Für den Augenblick war viel spannender, ob sie durch Meditation ihre Magiequelle kontrolliert entfesseln konnte. Ihr Blick wanderte zurück zu dem Buch, das zwischen ihr und Tom lag. Er hatte weiter nach hinten geblättert, zu einem Kapitel, das die Grundlagen der Meditation für Magier erklärte.

Ohne ihr Zeit zu geben, den Inhalt des Kapitels selbst zu lesen, erklärte Tom: „Das Wichtigste beim Meditieren ist, dass du einen ausgeglichenen Geist und eine ruhige Atmung hast. Dein Körper darf deinen Geist nicht stören. Nur, wenn dein Geist völlig frei von äußeren Eindrücken ist, wird es möglich, ihn nach innen zu richten."

Sie nickte. Das waren Dinge, die man so landläufig über Meditation wusste. Noch sah sie keinen Unterschied zwischen Zauberern und Muggeln.

„Wenn es dir gelingt, den so beschriebenen Zustand zu erreichen", fuhr Tom fort: „wird es spannend. Muggel nutzen das, um vielleicht Gedanken zu sortieren oder einfach nur den Geist auszuruhen. Wir hingegen können Tiefer in uns selbst vordringen, zu unserer Quelle der Magie. Und anders, als bei normaler Energieanwendung, können wir die Quelle betreten, statt sie nur zu benutzen."

Hermines Kopf begann sich zu drehen: „Betreten? Ich gebe zu, ich kann mir das schlecht vorstellen."

Tom lächelte mitfühlend: „Weil du es noch nie ausprobiert hast. Es ist eine erhebende Erfahrung, glaube mir."

„Also hast du das schon getestet?"

„Ich bitte dich", empörte sich Tom: „Denkst du wirklich, ich würde dich an irgendwelchen abstrusen Theorien teilhaben lassen? Was ich mit dir bespreche, sind Dinge, die ich selbst ausprobiert habe. Ich werde mir kaum die Blöße geben, dass sich irgendetwas als Fehlschlag oder Unfug herausstellt."

Darauf rollte Hermine bloß mit den Augen: „Entschuldigt, Eure Hoheit, ich vergaß für einen Moment, mit wem ich es hier zu tun habe."

„Hermine, Hermine", erwiderte Tom lachend: „Du besitzt eine spitze Zunge."

„Als ob du das bisher noch nicht gewusst hättest."

„Du hast recht", stimmte er ihr überraschend ernst zu: „Genau das macht dich ja zu einem so interessanten Menschen. Die meisten Frauen heutzutage sind weich und anschmiegsam in ihrem Wesen. Du nicht. Du ganz und gar nicht."

Sie war auch nicht aus dieser Zeit, dachte sich Hermine, doch sie schwieg. Stattdessen widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch, um herauszufinden, wie genau dieses Versenken in die eigene Quelle der Macht funktionieren sollte. Tom, so stellte sie ebenso überrascht wie erfreut fest, schwieg tatsächlich, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich das Wissen selbst anzueignen. Es war offensichtlich, dass das Kapitel – ebenso wie die folgenden, so stellte sie nach kurzem Blättern fest – sich nicht mit jener Anwendung der Meditation beschäftigte, auf die Tom zielte. Nirgends stand hier etwas davon, seinen Schutz zu lösen. Doch andererseits, so musste Hermine zugeben, hatten sie auch im Unterricht nie etwas darüber gelernt, dass dieser Schutz aufgebaut wurde. Nicht explizit. Es ging stets nur um Kontrolle und die korrekte, gute Anwendung von Magie. Dass sich dabei eine undurchdringbare Hülle um einen Lichtball legte, war nie erwähnt worden.

Sie war mehr als nur gespannt, Toms Theorie auszuprobieren. Wenn es ihr gelangt, ihre gesamte Macht zu nutzen, wäre sie Tom eventuell endlich ebenbürtig in Duellen. Und vielleicht wäre sie zurück in der Zukunft auch in der Lage, ihn in einer direkten Konfrontation zu besiegen. Vielleicht gab er ihr hier gerade den Schlüssel zu seiner Niederlage in die Hand.



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