II.6 - Im Strudel der Gefühle


„Bist du bereit?"

Hermine klappte das Buch zu. Sie hatte längst nicht alles darin gelesen, doch die Grundlagen hatte sie begriffen und das war für den Moment alles, was sie brauchte. Noch immer war ihr nicht klar, wie genau sie in ihr Innerstes reisen sollte, doch sie würde es zumindest probieren.

„Gut", nickte Tom, während er sich erhob: „Wir sollten uns gemeinsam auf den Boden setzen. Das Bett mag zwar bequem sein, doch die Matratze ist weich und könnte dein Gleichgewicht stören, was dich leicht aus der Konzentration reißen könnte. Komm, setz dich einfach hier vor mich."

Hermine folgte seiner Handbewegung und ließ sich vor ihm auf dem Boden im Schneidersitz nieder. Sie wusste nicht genau, warum, aber wann immer sie Menschen hatte meditieren sehen, hatte diese im Schneidersitz gesessen – oder zumindest in einer ähnlichen Pose. Angespannt wartete sie darauf, dass Tom ihr erklärte, was genau sie tun sollte.

„Ich werde dir helfen. Schließe deine Augen und atme so regelmäßig wie möglich", sagte er leise, gerade laut genug, dass sie es hören konnte. Widerstandslos kam sie seinen Befehlen nach. Ihre Augen schlossen sich, sie konzentrierte sich ganz auf ihrem Atem und bemerkte, wie er tiefer und langsamer wurde.

„Erschrecke nicht", warnte Tom sie sanft: „Ich werde mich jetzt hinter dich setzen und meine Hände auf deine Schultern legen."

Sie hörte, wie er um sie herum ging und sich hinter ihr wieder niederließ, dann spürte sie seine kühlen Hände auf ihren Schultern. Es war keine Zärtlichkeit in seinem Griff, aber auch keine Stärke. Er berührte sie nicht, um sie einzuschüchtern oder um sie zu reizen. Es war ein neues, ungewohntes Gefühl, dass Tom auch ganz sachlich sein konnte im Umgang mit ihr.

„Atme ruhig weiter", flüsterte er, seine Stimme beinahe monoton, „atme ein und aus. Hörst du dein Herz schlagen?"

Hermine nickte. Sie hörte ihr Herz schlagen und sie hörte ihren eigenen Atem. Außer den Worten, die Tom leise sprach, war ansonsten nichts zu hören, doch sie spürte, wie sie immer noch von diesen wenigen Geräuschen abgelenkt wurde.

„Du wirst lernen, deinen Herzschlag zu ignorieren und auch dein Atmen nicht mehr zu hören, doch heute helfe ich dir", erklärte er langsam: „Ich werde die Geräusche für dich ausblenden, bis du nichts mehr hörst außer meiner Stimme."

Hermine wusste nicht, wie er es tat, doch plötzlich spürte sie ein Prickeln dort, wo seine Hände lagen, und dann war ihr Herzschlag verschwunden und mit ihm auch das Geräusch ihres Atems. Er schwieg und sie fühlte sich beinahe gefangen in einer Blase der Stille. Es überraschte sie, wie vollkommen diese Stille war, denn selbst, wenn sie abends im Bett lag und die Umgebung verstummte, so hörte sie doch immer noch ihren eigenen Atem oder das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Jetzt wusste sie, was wirkliche Stille war.

„Schau in die Schwärze", erklang die noch immer leise, noch immer monotone Stimme von Tom in dieser Blase der Stille: „Schau hinein und suche nach dem Licht. Es gibt ein Licht, wenn du nur lange genug schaust."

Lange starrte Hermine mit geschlossenen Augen vor sich hin. Wie sollte sie irgendetwas sehen, außer der gelegentlich auftauchenden bunten Punkte, die Augen eben manchmal vorgaukelten? Es war ja nicht so, als wäre da tatsächlich irgendetwas zwischen ihren Augen und ihren Lidern.

Als habe er ihre Gedanken gelesen, richtete Tom erneut das Wort an sie: „Du sollst nicht mit den Augen sehen, Liebes."

Frustriert runzelte Hermine die Stirn. Irgendwie verstand sie schon, was er von ihr wollte, doch gleichzeitig verstand sie es auch nicht. Natürlich konnte man nicht mit den Augen in sich hinein sehen, aber wie tat man es sonst? Was sollte sie hier machen?

Sie rollte ihre Schultern zurück und versuchte, entspannt zu bleiben. Der Schneidersitz wurde langsam unbequem und Toms Hände, die anfangs kühl auf ihren Schultern gelegen hatten, wurden zunehmend wärmer, unangenehmer. Sie hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren, doch sie war sich sicher, dass inzwischen eine halbe Stunde verstrichen sein musste, in der sie einfach nur herum gesessen hatte.

Immer wieder dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten, war bekanntlich die Definition von Wahnsinn, ging ihr irgendwann durch den Kopf, und so beschloss Hermine, das sinnlose Starren aufzugeben und stattdessen aktiv zu werden. Wenn das Licht, von dem Tom gesprochen hatte, nicht erscheinen wollte, würde sie es sich einfach vorstellen.

Vor ihrem inneren Auge erschuf sie eine hellblau glühende Kugel. Sie stellte sich vor, dass sie undurchsichtig war und an den Rändern leicht pulsierte, als wäre das blaue Licht ein Feuer, das gemächlich flackerte. Sie stellte sich vor, dass die Kugel langsam größer wurde. Größer, bis schließlich ihr gesamtes Blickfeld davon eingenommen wurde. Sie stellte sich vor, dass sie einen Schritt darauf zu ging.

„Hermine, bevor du…"

Von einem brennenden Schmerz erfasst, schrie Hermine auf, dann wurde alles schwarz um sie herum.

oOoOoOo

Verärgert ging Tom vor Hermines Bett auf und ab. Er hätte sie warnen sollen, ehe sie sich auf dieses Experiment eingelassen hatten. Er hätte sie über die Quelle der Magie aufklären sollen. Aber er hatte gar nicht damit gerechnet, dass es ihr gelingen würde, sie im ersten Anlauf zu erreichen. Ihn selbst hatte es stundenlange Konzentration gekostet, ehe er verstanden hatte, dass er seine Magie aktiv visualisieren musste, um an sie heranzukommen.

Natürlich hatte er auch damit kämpfen müssen, seine Körpergeräusche auszublenden, das hatte den Prozess verlangsamt. Und natürlich hatte er überhaupt erst sicherstellen müssen, dass diese Magiequelle da war. Er hatte Hermine die Stille erleichtert und sie hatte mit absoluter Sicherheit gewusst, dass es die Quelle gab. Natürlich machte es das leichter für sie. Ihre Leistung war bei weitem nicht so beeindruckend wie seine.

Dennoch.

Sie hatte erneut bewiesen, dass sie fähiger war, als er ihr zutraute.

Er wünschte, er könnte ihre Gedanken lesen, um mehr über sie herauszufinden. Doch es brachte nicht, bei einem bewusstlosen Menschen einen Legilimens anzuwenden, man würde nur auf Schwärze treffen. Und noch war er nicht geübt genug darin, um den Spruch lautlos zu sprechen. Er wusste, so offen Hermine sich auch gab, wenn sie mitbekäme, dass er versuchte, ihre Gedanken gegen ihren Willen zu lesen, wäre sofort alles Vertrauen verloren und, im schlimmsten Fall, sie würde es ihrem so genannten Onkel erzählen. Das konnte er nicht riskieren, insbesondere, da er nicht sicher sein konnte, ob es ihm gelingen würde, ihre mentalen Barrieren zu durchbrechen. Zu viel Risiko mit potentiell zu geringem Ergebnis.

Würde sie ihm die Schuld geben, wenn sie wieder erwachte? Würde sie sich erneut auf die Meditation einlassen? Es wäre unfair, wenn sie ihm die Schuld gab? Welche kluge Hexe würde einfach so etwas anfassen, das sie nicht kannte?

Hermine hätte es besser wissen sollen. Natürlich war es gefährlich, einfach so und ungeschützt nach der Quelle der eigenen Magie zu greifen. Die Energiemenge, die da in einem schlummerte, war immens. Ihr Geist hatte eine heftige Verbrennung davon getragen und als Schutzreaktion darauf offenbar die Verbindung zum Bewusstsein getrennt. Was hatte Hermine erwartet, als sie einfach so auf ihre Magie zugegangen war? Wie konnte ein so cleveres Mädchen so dumm sein?

Mit einem Seufzen ließ Tom sich auf ihrem Bett nieder. Hermine sah blass aus, aber ihr Atem war regelmäßig und ihr Körper warm. Sie war nicht in Gefahr. In jenem Moment, als sie aufgeschrien hatte, offensichtlich erfüllt von Qualen, hatte er sich einen Wimpernschlag lang gesorgt. Eine kalte Hand hatte sich um sein Herz geschlossen. Natürlich hatte er das Gefühl sofort verdrängt, doch jetzt, wo er nichts anderes tun konnte, als neben ihr abzuwarten, bis sie aufwachte, erinnerte er sich daran.

Er hatte sich schon einmal ähnlich gefühlt, vor gar nicht allzu langer Zeit. Gerade drei Tage war es her. Als Hermine gezeigt hatte, dass sie eigenständig das Tor zur Kammer öffnen konnte, auch da war er für eine Sekunde wie eingefroren gewesen. Sein Schock hatte sich augenblicklich in Wut verwandelt und er hatte ihr verboten, alleine dorthin zu gehen, da er nicht zulassen konnte, dass irgendjemand anderes außer ihm sie töten würde. Er konnte sie vor allen Gefahren beschützen, er würde dafür sorgen, dass sie niemals sterben würde.

Aber er konnte sie nicht vor ihrer eigenen Dummheit beschützen. Es machte ihn rasend, dass er sie nicht vollständig kontrollieren konnte. So achtlos, wie sie sich benahm, müsste er rund um die Uhr bei ihr sein, damit sie nicht zu Schaden kam. Begriff sie nicht, dass sie ihm gehörte? Begriff sie nicht, dass sie es ihm schuldig war, besser auf sich aufzupassen?

Tom Riddle war kein dummer Mann. Er wusste genau, dass die Gefühle, die er für Hermine hatte, anders waren. Gefährlich. Als er sie vor so vielen Wochen das erste Mal geküsst hatte, hatte er feststellen wollen, ob er seine Lust für sie kontrollieren konnte. Ob sein Verstand benebelt sein würde durch den körperlichen Kontakt zu ihr. Damals hatte er das sehr selbstsicher mit Nein beantworten können. Inzwischen hatte er gelernt, dass das nicht die ganze Wahrheit war.

Die ganze Wahrheit war, dass es ihn rasend machte, wenn sie sich seinem Willen nicht beugte. Er wurde so irrational wütend, dass er nicht mehr klar denken konnte. Es war nicht der Sex, der zu einem Problem geworden war. Es war …

Kopfschüttelnd lehnte er sich an einen Bettpfosten. Es konnte problemlos mit Hermine schlafen. Er tat es, er nahm sich, wonach ihm der Sinn stand, und danach kehrte er zu seinem rationalen Selbst zurück. Aber wenn sie sich ihm verweigerte, wenn sie so tat, als habe er kein Recht auf sie, als wäre er ihr nicht überlegen, dann verlor er die Kontrolle. Er wusste, das war nicht gut. Doch solange er nicht herausfand, warum es ihn so wütend machte, würde er es nicht ändern können. Und herausfinden konnte er das nur, wenn er den Kontakt zu Hermine noch intimer machte.

Kühl ließ er seinen Blick ihren wehrlosen Körper auf und nieder wandern. Sie war wirklich keine Schönheit, aber ihre klugen Augen, die so herrlich in Flammen stehen konnte, wenn sie für etwas brannte, machten sie zu einer außergewöhnlich attraktiven Frau. Kein Mann konnte diesen Augen widerstehen. Alleine die Erinnerung daran, wie sich ihre Augen vor Schock weiteten, wie Tränen sich darin bildeten, ließ sein Blut in andere Regionen fließen. Sie war sein, sie hatte sich freiwillig in seine Arme begeben, nachdem er ihr gezeigt hatte, dass sie keine andere Wahl hatte, und doch widersetzte sie sich ihm noch immer.

Er musste einen Weg finden, ihren Willen zu brechen. Sie würde ihn nur wieder und wieder wütend machen, wenn er nicht ihren Willen brach, und das würde früher oder später schlecht enden. Er wollte sie nicht umbringen. Sie war tatsächlich der erste Mensch in seinem Leben, den er aus mehr als einem kalkulierenden Interesse heraus nicht umbringen wollte. Doch Tom wusste, wenn sein Zorn außer Kontrolle geriet, konnte er sich nicht beherrschen.

Langsam beugte Tom sich vor. Seine Hand fuhr beinahe wie von selbst über Hermines Gesicht und kam schließlich auf ihrem Hals zu liegen. So schmal. So zerbrechlich. Ihr Körper verbarg gut, wie viel Macht diese Hexe besaß und wie stark ihr Wille war. Er bräuchte nicht einmal Magie, um sie zu töten. Wenn er wollte, konnte er ihr einfach das Genick brechen. Sie hätte keine Chance gegen ihn.

Doch er wollte nicht.

Es wäre schade um sie, um ihren Verstand, um die Unterhaltung, die sie ihm bot. Gerade ihr starker Wille, der ihn so oft wütend machte, war so faszinierend an ihr. Hätte sie diesen Willen nicht, wäre sie vermutlich langweilig. Ohne diesen Willen wäre sie vermutlich auch lange nicht so mächtig.

„Bei Merlin", flüsterte Tom. Er war verwirrt. Und frustriert. Er war frustriert, weil er verwirrt war. Er hasste ihren unbeugsamen Willen und gleichzeitig war es genau dieser Aspekt an ihr, der sie so einzigartig und begehrenswert machte. Ohne diesen Willen wäre es ihr gewiss nicht gelungen, die Meditation so erfolgreich durchzuführen.

Ihr Wille würde ihr helfen, die nötigen Vorsichtsmaßnahmen anwenden zu können, um beim nächsten Mal tatsächlich die Quelle ihrer Magie betreten zu können. Das war es, worauf es jetzt ankam. Er würde sich darauf konzentrieren, Hermines Macht zu entfesseln. Und während er das tat, würde er sie stärker an sich binden. Er würde ihr deutlicher machen als je zuvor, dass sie ihm gehörte. Sie würde ihre neu gewonnene Macht für ihn nutzen.

Wenn sie nur endlich wieder aufwachen würde. Toms Hand fuhr von Hermines Hals zurück zu ihrer Wange und verweilte dort. Er würde dafür sorgen, dass ihr nie wieder Schaden zugefügt wurde. Nicht von irgendjemand anderem als ihm.


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