Das Land des dunklen Mondes (18)

Als Aellia das hörte, wurde sie von den unterschiedlichsten Gefühlsregungen wie eine Welle überrollt. Einerseits war sie zutiefst traurig und berührt von Nannios Worten, doch zugleich spürte sie einen seltsamen Widerstand, eine Rebellion in sich aufsteigen. Wie nur konnte Nannios sich schon so viel von dieser einen Nacht versprechen? Warum wollte er sie schon jetzt an sich binden? Sein Verhalten befremdete sie und auf einmal fühlte sie sich eingeengt und irgendwie bedroht. „Ich finde, das geht zu schnell Nannios!“ sprach sie und ihre Stimme spiegelte ihren Widerstand wieder. „Gerade erst haben wir uns kennengelernt, ein schönes sexuelles Erlebnis zusammen geteilt und schon glaubst du, ich gehöre dir? Wie stellst du dir das vor? Ich habe nicht das Bedürfnis mich auf diese Weise zu binden! Ich möchte hier nicht leben! Diese Welt ist so fremd für mich und diese…Sonne ist mir viel zu grell. Ich sehne mich nach Hause zurück, in die dunkle Stille des Reiches der dunklen Mondgöttin! Ich will keine solche Familie, wie du sie dir vorstellst! Meine Freiheit geht mir über alles! In unserem Reiche gibt es keine solchen Bindungen, wie ihr sie hier habt. Jede Harpya lebt frei für sich, lebt ihrer Sexualität und alles andere zur eigenen Freude.“ Nannios schaute sie etwas erschrocken an.

Sie waren nun wieder bei dem Haus angekommen, von welchem sie los geflogen waren. Erleichtert begrüsste Aellia den schattigen, kühlen Innenraum ihres Zimmers. So war es doch schon viel besser! Sie schaute in die Augen des jungen Lunariers und sah den Schmerz darin, der sie tiefer traf, als sie es je für möglich gehalten hätte. „Was redest du denn da die ganze Zeit?“ fragte er. „Es ist beinahe so, als würden die Männer bei euch gar nicht existieren, oder nur ein Schattendasein fristen. Bindet ihr euch tatsächlich niemals an einen festen Partner? Es würde ja nicht heissen, dass man deswegen die sexuellen Wonnen nicht noch mit andren teilen könnte, aber man hätte einen Partner, der das Leben mit einem verbringt und alle Kinder zusammen mit einem grosszieht. Gibt es das bei euch tatsächlich alles nicht?“ Aellia liess sich auf das Hängebett nieder, in welchem sie auch nach ihrem schlimmen Sturz gelegen hatte und schaute nachdenklich auf ihre Füsse. „Nein, Nannios, wir kennen das bei uns tatsächlich nicht. Und ja…, die Männer führen bei uns wirklich ein Schattendasein. Sie sind nur für das Zeugen unserer Kinder zuständig. Wir sind eine von Frauen beherrschte Gemeinschaft. Wie ich sagte, deine und meine Welt sind wie der Tag und die Nacht, so verschieden. Darum kann ich dich auch niemals glücklich machen. Es ist wie es ist.“ „Aber die letzte Nacht… sie war doch auch für dich besonders!“ „ Ja, das war sie. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich nicht gedenke mich fest zu binden und ich auch keine Kinder mit einem Mann grossziehen möchte.“ „Aber…ich dachte du liebst mich auch?“ „Ich liebe dich, aber nicht so, wie du es dir vielleicht erträumst. Wie ich bereits erzählte, geben wir Harpyas niemals unsere Freiheit für etwas auf.“ „Aber wie kannst du das sagen! Kinder zu haben, sie mit einem Partner gross zu ziehen, dem man grenzenlos vertrauen kann, das ist doch keine Einschränkung der Freiheit. Es ist etwas Wundervolles!“ "Für dich vielleicht, “ sprach sie mit einer Härte in der Stimme, welche sie nun beinahe selbst erschreckte „aber nicht für mich. Ich will mich nicht binden, weder an einen Partner, noch an ein Kind.“ „Aber… dann kennst du die wahre Liebe nicht!“ rief Nannios aus, was in Aellia erneut heftigen Widerstand erzeugte. „Du glaubst allein zu wissen was wahre Liebe ist, wie kannst du dir das anmassen?!“ „Weil Liebe auch Hingabe ist, Freude an der Gemeinschaft, Freude an der Frucht des eigenen Leibes!“ „Ich hatte noch nie ein Kind und wenn ich eines hätte, dann würde ich mich sicher daran freuen, aber bei meinem Volke, kümmern sich alle zusammen um die Kinder.“ „Alle, ausser den Vätern!“ stiess Nannios nun bitter hervor. „Ihr seid wirklich ein kaltes, gefühlloses Volk. Und ich dachte, du seist anders.“ „Dann hast du dich eben geirrt. Ich bin wie ich bin!“ sprach Aellia. „Dann gehe ich jetzt wohl besser“, sprach Nannios und in seiner Stimme lag nun ebenfalls eine beängstigende Härte. „Du kannst natürlich hier wohnen bleiben, bis dich das Drachenschiff nach Hause bringt.“ Aellia wollte etwas sagen, doch sie liess es bleiben. Sie sah ihm nach, wie er auf den Balkon hinaus schwebte und… verschwand. Und… eine endlose Leere breitete sich auf einmal in ihr aus…

Nachdem Trojanas eine Weile auf dem Hügel nachgedacht hatte, kehrte er wieder in die Stadt zurück. Den Rest des Tages verbrachte er damit, seine Reise ins Land des Silber- Mondes zu organisieren. Er wusste von einigen Kundschaftern, dass die Lunarier keine sehr grosse Streitmacht besassen. Dieses Volk lebte ganz abgeschieden in einem Gebiet, das von tiefen Schluchten und Flüssen durchzogen war. Es war ein sehr fruchtbares Land, im Gegensatz zum Reich der Sonnenkinder. Jedenfalls war es dort nicht schwer Nahrung und Wasser zu finden, was der Armee nur zum Guten dienen würde. Die Lunarier erwarteten keinen Angriff, sie hatten bisher immer in Frieden gelebt, ohne grosse Schlachten zu schlagen. Auch das würde Trojanas Armee zum Guten dienen. Sie waren diesem Volk mit ihrer Kampfkunst und ihren Waffenfertigkeiten vermutlich haushoch überlegen. Er würde mit etwas hundert Mann die  Hauptstadt der Lunarier überfallen, dort gab es am meisten Frauen. Die Solianer würden sich den Überraschungseffekt zu Nutze machen und im Morgengrauen angreifen, wenn alle Lunarier noch schliefen. Trojanas wollte möglichst wenig Blutvergiessen. So wies es seine Männer an, die Frauen möglichst unauffällig und schnell zu entführen und erst zu den Waffen zu greifen, wenn Widerstand geleistet wurde. Er erwartete aber eigentlich nicht, dass dieser Widerstand so gross sein würde. Noch ahnte er nicht, wie eng die Bindungen zwischen den Frauen und Männern bei den Lunariern, eigentlich waren. Auch die Kundschafter hatten nicht allzu viel über den Lebensstil dieses Volkes berichtet. So war der junge Kriegsherr guter Dinge und traf alle nötigen Vorkehrungen.  

Als es Abend wurde, sich der Sonnengott in ein rotgoldenes Kleid gehüllt hatte und den Himmel in einem feurigen Farbenspiel erglühen liess, ging Trojanas zu den Ställen, welche sich ausserhalb, am nördlichen Ende der Stadt befanden. Es waren recht grosse, hohe Stallungen, mit stabilen Aussengehegen. Hier waren die Reittiere der Sonnenkinder einquartiert. Die Solianer waren im Augenblick das einzige Volk unter den Geflügelten, welches solche Reittiere besass. Sie zogen mit ihnen in den Kampf und waren auch sonst öfters mit ihnen unterwegs, besonders wenn sie weitere Reisen unternehmen mussten. Trojanas hatte selbst so ein Reittier, das war für einen Prinzen seines Ranges angebracht. Er wollte seinen treuen Gefährten heute wiedermal besuchen, denn bald würde er mit ihm in den Kampf reiten und dabei Angst und Schrecken verbreiten.

Die Ställe lagen bereits im Schatten, und von allen Seiten war ein leises knurren und fauchen zu vernehmen, als er an ihnen vorbeiging. Vor einem besonders grossen Stall blieb er stehen und schaute durch die Gitterstäbe in die dämmrige Dunkelheit dahinter. „Typon!“ rief er mit sanfter Stimme. „Ich bin‘s! Wie geht’s dir denn so mein Schöner?“ In der Finsternis, ganz hinten im Stall, regte sich etwas, das nun auf Trojanas zukam. Ein geschmeidiger Leib, mit weichem Fell und mächtigen, krallenbewehrten Pranken, trat ins abendliche Licht des Gottes und leuchtete darin wie rote Feuerflammen auf. Ein riesiger Kopf, umsäumt mit einer kupfernglänzenden Mähne erschien. Es war ein riesiger Löwe! Ein Löwe mit mächtigen Flügeln, welche zurzeit eng an seinem Körper lagen. Wenn er sie jeweils ausbreitete und sich in die Lüfte erhob, war dies ein unbeschreibliches Schauspiel! Sein Körper war muskulös und wendig. Er leuchtete im Sonnenlicht wie ein edler Rubin. Es war wunderschön, konnte jedoch auch sehr furchteinflössend sein, wenn er laut brüllend auf seine Feinde hinabstiess, und ihnen tiefe Wunden mit seinen Krallen und Zähnen riss. Viele ergriffen nur beim Anblick eines geflügelten Löwen die Flucht. Noch eindrucksvoller war es dann natürlich, wenn mehrere Löwenreiter gleichzeitig auftraten, was in Schlachten oft der Fall war. Dann brach richtiggehende Panik unter den Gegnern aus.

Trojanas Vater war es zu verdanken, dass mittlerweile so viele seiner Soldaten, beritten in die Schlacht ziehen konnten. Er war einst von einer roten, geflügelten Löwin angegriffen worden. Er tötete sie und zog ihre vier Jungen auf. Diese wurden dann zu den ersten Flugreittieren der Solianer. Seither beschäftigten sie sich mit der Aufzucht dieser Geschöpfe, was ihnen sehr viele Vorteile einbrachte.

Typons schwarz umrahmten, dunklen Augen, richteten sich auf Trojanas und er rieb seinen Kopf an den Gitterstäben. Der junge Solianer streichelte ihn ohne Furcht. Der Löwe war sehr zahm und bestens ausgebildet. „Bald werden wir wieder zusammen in eine Schlacht ziehen“, sprach es zu ihm und es war, als würde der Löwe ihm aufmerksam zuhören. „Wir müssen uns um den Fortbestand der Solianer kümmern. Dazu reisen wir in ein fernes Land, das Land des Silbermondes. Dort soll es schöne Frauen geben…“

„ Dass du dich nur nicht zu früh freust, grosser Trojanas!“ erklang hinter ihm auf einmal eine weibliche Stimme. Aufgebracht wandte er sich nach ihr um. Vor ihm schwebte eine ältere Femina mit einem einfachen, schwarzen Gewand. Ihr Gefieder hatte dieselbe Farbe, wie das Fell des Löwen. Ihre dunklen Haare, wiesen bereits einige grauen Strähnen auf. Sie war etwa im Alter ihres Vaters, schätzte der junge Mann.

 

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