Julopfer

Während sich auf  Gunnars Hof beide Frauen um das Überleben eines kleinen Jungen bemühten, ging auch über dem Heiligen Hain von Straumfjorður die Sonne auf wie jeden Tag. Erschöpft von einer langen Nacht am Altar der Götter waren die beiden Krieger, deren Opfer heute im Mittelpunkt und am Ende des Julfestes stand, zurück in ihre Hütten gegangen.

Zufrieden hatte Jorunn beobachtet, dass keiner von beiden während der langen Nachtstunden das ihnen auferlegte Schweigen gebrochen hatte. Dennoch war das Verhältnis zwischen den Männern ein wenig duldsamer geworden, ein wenig sicherer. Und aus Sicht der Völva war das gut so. Auch wenn Ragnar eine Strafe für sein Tun verdient hatte, war doch keinem damit geholfen, sollte er aus dem Ritual verstümmelt oder für lange Zeit verwundet hervorgehen.

Auch Thorstein wusste das. Der Steuermann hatte sich fest vorgenommen, zurückhaltend zu bleiben. Dennoch ließen sich die Gedanken nicht einfach abstellen, die Erinnerungen nicht einfach vergessen. Als Rúna am vergangenen Morgen aufgebrochen war, hatte sie ihre stille Traurigkeit vor ihm einmal mehr nicht ganz verstecken können. Thorstein wusste, dass sie ihn liebte und ihm inzwischen auch vertraute. Und doch gelang es ihnen nicht immer, Ragnar aus ihren Liebesspielen ganz herauszuhalten. Auch in der Nacht nach der Julfeuerzeremonie war es so gewesen. Seine Gefährtin schämte sich dafür. Das ahnte er. Doch anders als sie glaubte, verstand er gut, was sie empfand. Und er fühlte sich unwohl, da er sich wünschte, mehr für sie tun zu können, als Ragnar halbherzig ein wenig Blut abzuverlangen.

Thorstein setzte sich auf sein Lager aus Fellen und Laub. Egal wie er es auch drehte und wendete, er kam zu keinem Entschluss. Das würde den Asen gefallen, ihn hier so unentschlossen zu sehen! Nachdenklich ergriff Thorstein sein Schwert, das neben seiner Bettstatt bereitlag. Lange hatte er die Klinge nicht mehr benutzt und die Schneide war mit einem kaum sichtbaren Hauch von Rost überzogen. Wenn er die Waffe so beließ, konnte er fast sicher sein, dass sich Ragnars Wunden nach jedem Schlag entzünden würden. War dies eine Möglichkeit, Rúna Genugtuung zu verschaffen, indem er auf dem Körper des Jarl dauerhafte Narben hinterließ, ihm einen Winter Fieber brachte? Thorstein seufzte und zog dann doch einen Beutel mit Schleifstein und Ledertuch hervor. Er würde nicht ehrlos handeln, nicht an diesem Tag. Auch, wenn er Rúna damit helfen könnte, würde er sich dennoch nicht auf dieselbe Stufe wie sein Jarl stellen. Entschlossener nun begann der Krieger, seine Waffe zu schleifen.

Die Stille des Hains wurde erst durchbrochen, als im hellen Licht des Mittags die ersten Schaulustigen aus Straumfjorður eintrafen. Erneut hatte Jorunn ein Feuer entzündet und saß dort im Kreis der Kinder und Erwachsenen, um ihnen vom Tempel in Gamla-Uppsala zu erzählen und die Erinnerung an die großen Opferfeste wachzuhalten. Nur wenige der Zuhörer hatten das Heiligtum jemals gesehen und entsprechend groß war die Neugier zu hören, wie die Feste dort vonstatten gingen.
Leise gerichtete nun die Völva von den feierlichen Opfern für Odin, Thor und Hel, von den Gaben, die die Götter für ihr Wohlwollen den Menschen gegenüber einforderten, von Menschen, die ihr Leben für das Wohl ihrer Stämme gaben - sieben Jahre Wohlstand für das Blut eines Mannes.
Mit leiser Stimme bereitete sie den Boden für jenes Opfer, dem die Menschen heute in ihrem eigenen Hain beiwohnen würden.

Langsam sank die Sonne immer weiter und die Stimmung im Hain wurde düsterer. Die Menschen rückten enger um das Feuer zusammen und als die Zeit gekommen war, warf Jorunn dicke Bündel von Beifuß und Salbei in die Flammen, deren Duft bald den gesamten Ort durchdrang. Helferinnen in dicken Fellmänteln entzündeten auf dem Altar der Quelle zwei Schalen mit Öl. Deren Feuer beleuchtete nun auch ein niedriges Podest aus ungeschältem Holz, das über dem winzigen, nun von Eis befreiten Rinnsal platziert war, dessen Ursprung die Quelle war. Dies war der Ort des kommenden Opfers.

Die Völva stimmte nun einen leisen Ritualgesang an und machte sich auf den Weg, zuerst Ragnar diesem Platz zuzuführen. Verborgen in den Falten ihres Ritualgewandes hielt sie einen kleinen Krug bereit, deren Inhalt den Jarl durch das Ritual leiten würde. Es war ein vergorenes Getränk aus Malz und getrockneten Fliegenpilzen, dem die Vorgängerin Jorunns spöttisch den Namen Julbier gegeben hatte. Doch das Julbier war weit mehr als ein einfaches Getränk. Auf nüchternen Magen genossen, würde es Ragnar schnell in die Trance führen. Die Visionen, die er möglicherweise während dieser Nacht von den Göttern erhielt, konnten ihre Zukunft bestimmen. Entschlossen schob sie die Decke beiseite, die den Eingang zu Ragnars Hütte verschloss. Dies hier war der Wille der Götter. Es gab kein Zögern.

So sah auch Ragnar das Geschehen und trank sofort, als die Völva ihm ihren Krug entgegenhielt. Dann legte er Kyrtel und Skjorta ab, band sich den Gürtel der Hose ein wenig enger und folgte der Priesterin hinaus in die eisige Kälte. Der Schnee knirschte unter seinen festen Schritten und er sah den Menschen seiner Siedlung in die Augen, als er an ihnen vorbeischritt. Das hier war, was er verdient hatte. Und auch, wenn er ihnen nicht sagen konnte, warum gerade er heute diesen Gang antrat, tat er es auch ein wenig für sie alle. Dir Götter milde zu stimmen, war für die Menschen von grundlegender Bedeutung. Ragnar hoffte, mit diesem Tag auch Thorstein wieder einen Schritt näher zu kommen. Und vielleicht würde sein Blut auch Hel befrieden, sodass sie nicht länger nach dem Leben seines Sohnes gierte.

Ragnar Loðbrók, Sigurds Sohn und Jarl Straumfjorðurs war kein feiger Mann. Und so ging er entschlossen die letzten Schritte, betrat dann ebenso flink das Opferpodest und kniete sich dann ruhig zwischen jene zwei aufrechten Stangen, an denen er während des Rituals Halt finden konnte. Stumm streckte er Jorunn dann nacheinander seine beiden Hände entgegen und ließ es zu, dass sie seine Handgelenke an den hierfür vorgesehenen Stricken festband. Wie gut das war, nahm er schon bald darauf wahr, als ihn die Wirkung des Julbiers endgültig erreichte. Das Feuer vor seinen Augen verdoppelte sich. Hoch schlugen die Flammen, stiegen die Funken in den Himmel und mit ihnen schwebte der Geist des Jarl in die nächtlichen Höhen. Neugierig sah der Krieger in seiner Trancevorstellung nach unten. Und dort standen sie, seine Leute, die Bewohner seines Dorfes. Er sah Björn an der Hand seiner Mutter, Rollo, Gylfe, Aodh - seine Freunde. Doch auch Rúna und Thorstein nebst Jorunn waren dabei - sein Volk. Zufrieden hob Ragnar den Blick wieder, um erwartungsvoll nach den Göttern Ausschau zu halten.

Doch es war nicht Frigg oder Hel, die erschien. Es war Jorunn, die mit Thorstein im Gefolge an den Altar zurückkehrte. Und nun, während der Jarl sich versunken in Trance auf dem Weg nach Asgard glaubte, nahm das Ritual seinen Lauf. Die Völva wusch Thorsteins Hände, ließ auch Wasser der Quelle über dessen Schwert sich ergießen. Dann eröffnete sie das Opfer mit den überlieferten Worten anderer Frauen vor ihr, die den Titel der Völva inne gehabt hatten:
"Gehör heisch ich heilger Sippen, hoher und niedrer Heimdallsöhne: du willst, Walvater, daß wohl ich künde, was alter Mären der Menschen ich weiß. (1)"
Nach und nach, während sie rituelle Kräuter verbrannte, Äpfel, Getreide und Met opferte, trug sie das alte Lied von der Entstehung und dem Verfall der Welten bis zum Erreichen des Gimlé(2)  vor. Am Ende fuhr sie mit der offenen Handfläche über Thorsteins Klinge und benetzte somit als Erste das geweihte Schwert mit ihrem Blut. Nun musste auch der Steuermann seine Hand ausstrecken und auch er erhielt einen feinen Streich auf den Handteller, der ein Rinnsal Blut hervorbrachte, das Jorunn über das geschliffenen Eisen verteilte. Man wusste nie, ob nicht auch eine Waffe über eigene Magie verfügte, die sich im schlimmsten Fall durchaus gegen deren Träger wenden konnte. So aber, durch ihrer beider Blut befriedet, würde Thorsteins Klinge der Hand ihres Führers willig folgen.

Während nun Jorunn und Thorstein durch das höchste Ritual des Julfestes schritten, flog Ragnar in seiner Trance weit entfernt von der Realität über die Welt. Unter sich sah er die Wälder des Nordlandes, die wilden Meere, die es begrenzten und nur langsam und widerwillig ließ er sich von seinen Gedanken zurück an den Ort seiner Heimat tragen. Schon sah er die Umrisse der Siedlung unter sich, als sein Blick Richtung Osten abgelenkt wurde. Und hier standen sie, wohl gerüstete Männer, Krieger, die seinen Leuten Übles wollten. Zornig starrte der Jarl auf Grimnirs Mannen hinab, nicht in der Lage, etwas an deren kommendem Treiben zu ändern.

Und noch etwas ließen ihn die Götter in jenen Momenten erkennen - weit im Süden, dort, wo hinter Haithabu das Reich der Franken liegen konnte, wurde ein Teil der strahlenden Sonne verdunkelt. Über den Wassern der Østersøen(3) erhob sich ein noch gesehenes Wesen, bedrohlich und dennoch so schön, dass Ragnar den Blick nicht abwenden konnte. Im Glanz der zunehmenden Winterdämmerung betrachtete er den Drachen mit staunenden Augen. Deutlich spürte er die Faszination des Wesens aus einer fremden Welt, ebenso wie die Bedrohung, die von dem Untier ausging. Dann aber erhob sich ein Wind und die Gestalt verschwamm und machte Platz für ein uraltes, gütiges Gesicht, dessen rechtes Auge seit unendlichen Zeiten geschlossen war - Odin selbst erschien in Ragnars vom Julbier vernebelten Gedanken. "Das reicht an Wissen, mein Sohn!", schien er zu sagen. "Du kennst nun die Gefahren deiner Zukunft, nutze diese Kenntnis weise!"

Das Antlitz des Göttervaters verblasste nach und nach, auch wenn Ragnar sich wünschte, der Alte hätte ihm mehr verraten. Fröstelnd und mit dem Gefühl von Übelkeit im Magen fand sich der Jarl alsbald am Ort des Julrituals wieder. Keinen Moment zu spät, denn Thorstein stand bereits vor ihm. Der Blick des Mannes war ernst und forschend.
"Bist du bereit, mein Jarl?"
Ragnar nickte. Der Steuermann aber hob seine Klinge für den ersten Streich. Kraftvoll fuhr das Schwert auf Ragnars Rücken nieder, die Breitseite stauchte schmerzhaft seine Rippen und dann schnitt die Klinge sanft, fast liebevoll, hauchdünn über seinen Rücken. Mehr als die Haut hatte Thorstein damit nicht verletzt. Ragnar keuchte überrascht auf. Auch wenn er die Wärme des fließenden Blutes auf seinem Rücken deutlich spürte, hatte Thorstein ihm hiermit den ersten Schlag geschenkt. Ungläubig sah der Jarl zu seinem Freund vergangener Tage.  Das Gesicht des Mannes vor ihm war verzerrt und nur mit großer Mühe konnte der Krieger seine Emotionen unterdrücken.

Ja, es fiel Thorstein schwer, sich selbst zurückzuhalten. Dieser Mann vor ihm hatte so viel zerstört! Worte stiegen in ihm auf, leise geflüsterte Worte von seiner Rúna, die sie nur zitternd und unter großer Anstrengung hervorgebracht hatte. Der Dolch dieses Mannes war über den Hals seiner Geliebten gefahren! Seine Hände hatten sie gewürgt. Gnadenlos hatte er sich in sie gestoßen, nachdem er sie vollkommen unterworfen hatte, immer und immer wieder - eine ganze Nacht lang!

Fast wie von selbst erhob sich Thorsteins Schwertarm. Berechnend musterte er den vor ihm Knienden. Und Ragnar schien in seinen Zügen lesen zu können. Ergeben ließ er seinen Steuermann mit einem Nicken wissen, dass es in Ordnung war, dass er nicht zögern musste, dass er es verdient hatte, was nun kam. Noch einmal fasste er mit beiden Hände in die Seile, die ihn aufrecht  hielten. Dann senkte der Jarl den Kopf und die Klinge fuhr zum zweiten Mal herunter.



(1) Aus der "Völuspa" dem Eröffnungsgedicht der Edda, auch "Der Seherin Gesicht" genannt
(2) Gimlé - Gimle (Gimlé) oder Gimli ist in der nordischen Mythologie der Ort, an den die Überlebenden des Ragnarök kommen. Er ist in der Prosa-Edda und im Völuspá erwähnt. Er gilt dort als der schönste Ort in Asgard und sogar schöner als die Sonne. (Quelle: Wikipedia)
(3) Østersøen - Ostsee dänisch

Comments

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    Welche Dramatik! Du führst die Lesenden mitten hinein mit deinen Bildern!

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