So könnte es sein ...

Nachdenklich betrachtete Thorstein seine junge Frau, die das kleine ihr anvertraute Mädchen mit Haferbrei fütterte. Eigentlich müsste das Kind noch an der Brust seiner Mutter liegen, das wusste der Steuermann. Doch die Mutter, Solvig, war in der zweiten Nacht nach dem Brand gestorben. Vier Tage war das erst her, sinnierte der Krieger. Vier Tage, in denen sich für alles geändert hatte, in denen seine Welt wieder vollständig geworden war, er wieder einen Sinn darin sah, sich auf den Tag und auf jeden noch kommenden Mond zu freuen. Schuld daran war einzig und allein diese wundervolle Frau mit dem Säugling im Arm.
Rúna musste seinen forschenden Blick bemerkt haben, denn sie sah nun zu ihm herüber und ihr schüchternes Lächeln vermittelte Thorstein ein warmes Gefühl. Zu wissen, dass zwischen ihnen nun alles so war, wie er es sich erhofft hatte, ließ ihn selbst die verletzungsbedingte Untätigkeit ertragen, zu der er gezwungen war.
Dennoch machte sich der Steuermann Sorgen. Egal, was sie einander versprochen hatten - Rúna war noch immer eine Sklavin. Er selbst mochte das von dem Moment an, da er ihren Kopf an seiner Schulter spüren durfte, vergessen haben, doch die Menschen in der Siedlung sahen das ganz anders. Und sogar Jorunn hatte ihn zu Bedacht und Vorsicht gemahnt. Zuerst schien ihm ihre Sorge übertrieben. Rúna gehörte doch zu ihm und auf den Moorseehof. Nur er entschied, wer sie für die Hofbewohner war und wenn er sie zur Gefährtin wollte, würden weder Teitr noch die Knechte auch nur ein unschönes Wort darüber verlieren, da war er sich sicher. Sie alle mochten die Frau, die so unverhofft Leben und Gemütlichkeit auf ihren einsamen Hof gebracht hatte.
Dass er recht unbesonnen geglaubt hatte, sein Wohlwollen müsse sich sofort auf alle anderen Menschen um ihn herum übertragen, sah er schon am darauffolgenden Morgen. Asbirgs Vater kam mit der Großmutter im Gefolge, um die Kleine nach Hause zu holen. Obwohl ihr Haus bis auf die Grundmauern abgebrannt war, hatten sie doch Zuflucht bei einer Schwester des Mannes gefunden und so durfte das Mädchen mit den Verbrennungen an den Händen die Schildhalle verlassen.
Jorunn gab der Großmutter noch einige gute Ratschläge und eine Schale mit Heilerde. Sie würde in den kommenden Tagen weiter nach dem Heilungsverlauf sehen. Dann umarmte sie die Kleine zum Abschied.
Als Asbirg sich aber nun auch Rúna zuwenden wollte, um ihr Dank zu sagen, wurde sie ungeduldig am Ärmel gezogen. Aller Widerspruch, dass die junge Frau ihr die Zeit hier mit Geschichten und Zuneigung erträglicher gemacht hätte, half nichts. Der Vater wurde sogar zornig.
"Lass das!", fauchte er verärgert. "Sie ist doch nur eine Sklavin und hat getan, was ihr aufgetragen war, nicht mehr und nicht weniger." Er zerrte das Mädchen nach draußen und es blieb nicht mehr als ein aufmunterndes Lächeln von Rúna und eine winkende kleine Hand, hinter der die Tür knarrend zufiel.
Zwei Tage später, kurz bevor auch sie die Schildhalle verließen, wurden der inzwischen erwachte Schmied und dessen Mutter abgeholt. Auch hier gab es freundliche Angehörige, die die Familie bei sich aufnahmen. Anders als bei Asbirg war die Verabschiedung herzlich. Aodh , dessen Vorfahren in der Sklaverei gelebt hatten, sah deutlicher als andere die Ecken und Kanten einer Gesellschaft in der eine Hälfte der Menschen als Unfreie lebte. Und obwohl er vordergründig den Worten der Goden Glauben schenkte und sich den Erfordernissen beugte, waren seine Götter anderer Herkunft als Odin, Thor und Frigg. Auch, wenn er seinen Namen nie laut aussprach, fragte sich Aodh oftmals, ob es der Gottessohn Jesus, von dem ihm seine Eltern früher erzählt hatten, gern sah, dass Menschen andere Menschen besaßen.
Für den Schmied war die Anderwelt ein weit entfernter Ort. Hin- und hergerissen zwischen dem Glauben seiner Vorfahren und der Religion des Volkes bei dem er lebte, hatte sich Aodh eine ganz eigene Weltsicht aufgebaut. Und im Gegensatz zu den meisten Nordmännern hielt er nichts davon, sich Sklaven zu kaufen, die ihm bei seinem Handwerk halfen.
Ja, es war Zufall gewesen, dass er das Gespräch zwischen Thorstein und Rúna belauscht hatte, während alle annahmen, dass er noch bewusstlos war. Doch es hatte den rauen Mann berührt, wie sehr der Steuermann Rúna um ihre Zuneigung gebeten hatte. Ja, fast hatte der Jüngere sie schon gebettelt. Wie hätte sie da nein sagen können? Rúnas Ansinnen, zunächst ihre versprochene Freigabe durch Ragnar abzuwarten, hatte Aodh dann noch mehr überrascht. Hätte sie nicht nach jedem Strohhalm greifen müssen, der ihr Schutz und Wohlstand versprach? Dass die Kleine Thorsteins Ehre vor ihr Wohlbefinden stellte, gefiel dem Schmied. Doch es würde für beide schwer werden, wollten sie diesen Bund wirklich bis zu Rúnas Freigabe nur im Geheimen schließen.
Als nun Aodhs Gefährtin kam, um ihn und ihre Schwiegermutter nach Hause zu holen, schickte er die beiden Frauen schon einmal voraus, um mit Thorstein ein ernstes Wort unter Freunden zu wechseln. Und so kam es, dass der Steuermann durch Aodh einen ganz neuen Blickwinkel auf die Situation bekam. Solange Rúna eine Sklavin blieb, machte ihm der Ältere klar, würde es immer wieder Gefahren für ihr Leben und ihre Unversehrtheit geben. Auch wenn er, Thorstein, ihr Sicherheit versprochen hatte, konnte selbst er Rúna nicht vollkommen schützen. Trunkene Männer, denen ihre Brüste gefielen, eifersüchtige Frauen, die ihr das hübsche Gesicht neideten… wenn es hart auf hart kam, ging jeder von ihnen völlig straffrei aus, egal, was sie Rúna antaten.
Der Steuermann wusste, dass die Worte des Schmiedes nicht nur so dahingesagt waren. Und er hatte sich ja auch fest vorgenommen, gut auf Rúna achtzugeben. Doch letztlich lag es allein in Ragnars Hand, wann dieser seine Gefährtin frei gab. Thorstein nahm sich vor, den Freund noch einmal die Dringlichkeit seines Wunsches vor Augen zu führen. Und er sollte vielleicht mit Jorunn reden. Auch die Heilerin musste doch ein Interesse an Rúnas Freiheit haben, oder? So, mit vielen guten Vorsätzen, war er gern gestern Abend mit seiner Gefährtin und ihrem Pflegekind in die kleine Grubenhütte gezogen, die er auch sonst immer bewohnte, wenn er in Straumfjorður war. Das Häuschen war, Thor sei Dank, auch so winzig, dass es nicht mehr als sie drei fassen konnte. so blieb ihnen eine unerwartete Einquartierung erspart. Rúna aber versorgte ihren Krieger und das kleine Mädchen, das sie kurzerhand nach der Mutter Solvig nannte. Thorstein gefiel, wie liebevoll seine Gefährtin mit der Kleinen umging. So ähnlich würde es sein, wenn sie später sein Kind im Arm hielt. Doch auch so fand er schön, was er sah.
"Gibst du mir die Kleine, wenn sie aufgegessen hat?" Der Steuermann wollte ebenfalls ein wenig in den Genuss kommen, das kleine Mädchen zu halten. "Sie kann hier auf meiner Schulter liegen, bis sie eingeschlafen ist."
Überrascht sah Rúna auf. "Bist du sicher, dass du Solvig halten kannst? Wird sie dir nicht mit ihrem Gewicht wehtun?"
Thorstein lachte und sah dann zufrieden, wie sich auch das ernste Gesicht Rúnas aufhellte. "Sie ist doch wohl kein Riesenkind, oder?", scherzte er weiter. "Jedenfalls sieht sie nicht aus wie ein Spross der Hrimthursen. Bring sie her! Dann kannst du auch eine Pause machen. Seit heute Morgen habe ich dich nur bei der Arbeit gesehen."
Rúnas Wangen nahmen bei diesen Worten einen zarten Rotton an. Dass Thorstein nun plötzlich so fürsorglich war, kam ihr ganz unverdient vor. Doch so neu war dieser Charakterzug an ihm eigentlich gar nicht. Erneut erinnerte sich die junge Frau an ihre ersten Tage auf dem Moorseehof. Schon damals, als er sie noch gar nicht kannte, hatte Thorstein mit angepackt. Und er hatte dafür gesorgt, dass sie sich nicht zu viel zumutete, ihr manchmal sogar Teitr nachgeschickt, wenn schwere Arbeiten zu verrichten waren. Wenn er nun noch genauer beobachtete, was sie tat, sollte sie das nicht verwundern.
Liebevoll zog Rúna die verschlissene Decke noch ein wenig enger um den Säugling und erhob sich vorsichtig. Mit dem Kind auf dem Arm hockte sie sich dann neben Thorstein auf den Boden. "Schau, Solvig", sprach sie spielerisch mit der Kleinen. "Hier haben wir den starken Krieger Thorstein. Er wird jetzt auf dich aufpassen." Aufmerksam betrachtete das kleine Mädchen das fremde Gesicht. Der Mann schien ihr zu gefallen, vornehmlich sein Bart war offenbar sehr spannend, denn Rúna konnte nicht verhindern, dass sich die kleinen Fingerchen fest um einen Zopf des Gabelbartes schlangen.
Schon nahm der Zug an seinem Kinn zu und Thorstein musste den Kopf neigen, um nicht sein Barthaar zu riskieren. Beinahe wäre einer der Kriegerringe im Mund der Kleinen verschwunden, als Rúna doch noch die Griff löste. Schüchtern sah sie ihren Krieger an, hoffend, dass er den kleinen Angriff auch als Scherz sah. Das breite Grinsen in Thorsteins Gesicht verriet ihr aber schnell, dass der kleinen Solvig keine Gefahr drohte. Nun auch leise lachend, legte sie dem Mann das kleine Mädchen auf die gesunde Schulter. Schützend ergriff  dieser mit seiner Rechten das Bündel. Das Kleine war doch schwerer als gedacht. Allerdings zappelte es auch ein wenig in seinem Wickel. Behutsam rückte sich Thorstein ein wenig zurecht. Wie gut so ein Säugling doch roch! Heimlich schnupperte er an den feinen Haaren der Kleinen.
"Wir kommen hier gut zurecht, nicht wahr, Solvig?", versicherte er Rúna. "Wenn du magst, geh dich waschen und dann schlaf ein wenig. Ich passe schon auf unseren kleinen Gast auf."

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    Ach, ich möchte es den beiden so sehr gönnen, ein trautes Ehe- und Familienglück! Schön, daß sie ein bißchen dvon kosten dürfen, denn Rúnas Stellung ist tatsächlich noch ein großes Problem. Und solange Thorstein nicht ganz genesen ist, kann er sie ja auch nicht beschützen! Interessant ist auch der Hinweis auf die verschiedenen Religionen, die offenbar damals bereits zu unterschiedlichen Lebensauffassungen führten.

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