Thorstein erinnert sich an Lindisfarne

Es trat so etwas wie Normalität ein. Doch auch, wenn Jorunn ihnen noch Zeit ließ, bald würden sie eine Entscheidung treffen müssen, auf welche Weise Rúna ihren weiteren Dienst tat.
Thorstein saß vor dem Grubenhäuschen und beobachtete das Treiben in Straumfjorður. Die Bewohner waren emsig dabei, ihre Werkstätten und Häuser wieder aufzubauen. In Windeseile war Aodhs Schmiede wieder errichtet worden und obwohl auch der Schmied bei dem Feuer verletzt worden war, hatte er gestern sein Schmiedefeuer neu entzündet und es tönten die ersten Hammerschläge durch den Ort.
Kleine Boote mit Schilfrohr legten im Hafen an und die Sklavinnen schleppten die schweren Bündel zu den Bauplätzen. Rúna war nicht unter ihnen und im Stillen freute sich der Steuermann über diese Tatsache. Er beobachtete das Treiben eine Weile und bald sah er wie sich die Heilerin mit zügigen Schritten vom Strand aus der Siedlung näherte. Bald saß die alte Frau mit ihm vor der Hütte in der Abendsonne und die drei Erwachsenen schauten aufmerksam zu, wie die kleine Solvig auf ihrer Decke erste Krabbelversuche in der warmen Abendsonne unternahm.
Rúna erzählte der Völva, dass das Kind nun bei ihnen bleiben würde und Jorunn nickte dazu freundlich. "Ich habe mir schon gedacht, dass du sie Rollo nicht einfach überlassen würdest", gab sie, an Thorstein gewandt, zu. "Deshalb habe ich mich auch nicht eingemischt, als Ragnar Rúna zu ihrer Pflege verpflichtet hat." Nachdenklich betrachtete die Alte den Säugling und ließ dann auch ihren Blick auf Rúna ruhen. "Wenn Rollo zurück ist, solltest du zusehen, dass er seine Kuh schnell bekommt", merkte sie an. "Man weiß nie, was diesem Krieger sonst in den Sinn kommt."
Thorstein stimmte ihr zu. "Ich weiß! Und sobald Teitr in den Ort kommt, werde ich ihn bitten, eine Färse herzuschicken. Auch ich traue dem Jarlsbruder nicht unbedingt bei diesem Handel."
Sie schwiegen einvernehmlich. Lange genug lebten sie schon mit dem Krieger zusammen, dass sie ihn kannten. Rollo war ein fanatischer Kämpfer und ein Mann mit harten, teilweise sehr egoistischen Zügen. Es gefiel ihm, sich als brutal und hemmungslos zu zeigen. Ja, er genoss die Angst der Anderen.
Jorunn schien sich über den Mann ihre eigenen Gedanken zu machen. "Stimmt es, dass er die Mutter der Kleinen in einem Kloster gefunden hat?", fragte sie leise und wäre auch bereit gewesen, nicht weiter nachzubohren, als Thorstein abwehrend mit einem heimlichen Blick zu Rúna den Kopf schüttelte.
Doch die junge Frau hatte die Frage der Völva natürlich gehört. Aufmerksam hob sie den Kopf und sah noch aus den Augenwinkeln die warnende Geste ihres Gefährten.
"Erzähl nur!", forderte sie ihn auf. "Ich weiß schon, wie Frauen zu Sklavinnen gemacht werden. Du musst wegen mir keine Rücksicht nehmen."
Den forschenden Augen zweier Frauen ausgesetzt, strich sich Thorstein müde über das Gesicht. Es gab Dinge, über die er ungern sprach. Der letzte Überfall auf das Kloster Lindisfarne  war einer davon.
"Es war ziemlich genau vor einem Jahr", begann er dennoch seinen Bericht, getrieben von dem erwartungsvollen Schweigen seiner beiden Zuhörerinnen. "Wir waren spät dran im letzten Jahr und eine gute Woche an Bord lag noch vor uns." Nachdenklich warf Thorstein einen Blick zu Jorunn. "Es war ein schlechter Sommer gewesen und die Ausbeute unserer Raubzüge war ziemlich spärlich, wie du weißt. Sklaven hatten wir zu der Zeit noch keine an Bord und Ragnar drängte nicht einmal auf Gefangene, da es auch wenig Proviant gab."
Der Steuermann atmete tief durch. Langes Reden strengte ihn noch ziemlich an. Und jetzt, wo es um die Sache mit diesem Mädchen ging, fiel im das Sprechen sowieso nicht leicht. Jorunn nickte ihm aufmunternd zu.
"Wie liefen also Lindisfarne an, eine kleine Insel östlich vom Festland  Northumberlands. Diese Insel ist flach und liegt in so seichtem Wasser, dass es bei Ebbe und trockenem Sommer möglich ist, trockenen Fußes zur Küste zu gelangen. Dank des platten Landes kann man in weite Fernen sehen und so hatten wir freie Sicht auf das berühmte Kloster, von dem man berichtete, dass es unsagbar wertvolle Schätze barg."
Jorunn nickte. "Davon habe ich auch schon gehört. Man erzählt, dass dort gelehrte Männer leben, die lesen und schreiben können. Doch wenn ihr so einfach Beute machen konntet, sind sie wohl keine besonders guten Krieger?"
Der Steuermann lachte. "Sie sind gar keine Krieger! Sie sind auch keine richtigen Männer, denn sie legen sich nicht zu Frauen. Seltsame Leute sind sie, die einen Gott anbeten, den ihre Vorfahren gekreuzigt haben sollen. Sie singen, beten das Kreuz an und verbrennen ein merkwürdiges Harz auf ihren Altären, nach dem ihre Kirchen stinken. Als wir ihr Kloster überfielen, rannten die meisten davon. Die wenigen, die sich uns stellten, waren viel zu schnell niedergemacht. Zwei davon fingen Ragnars Männer ein und ertränkten sie im Meer. Sie wollten sehen, ob ihr Gott ihnen zu Hilfe käme." Thorstein schwieg einen Augenblick lang. "Doch er kam natürlich nicht!"
Er musterte die stille Rúna, die sich dem Kind zugewandt hatte und ihre Augen vor ihm verbarg. Sicher nahm es sie mit, wenn er von einem solchen Raubzug erzählte. Obwohl sie derartiges kennen musste, war sie niemand, der sich an Kriegsgeschichten erfreute. Doch er hatte damit angefangen und nun musste er es auch zu Ende bringen.
"Rollos Trupp nahm drei der Mönche gefangen und legte sie in Ketten. Einen anderen jagten sie solange nackt über die abgeernteten Felder, bis er zusammenbrach. Sie waren alle im Blutrausch", gab er zu. "Dann, als sich alle ein wenig beruhigt hatten, sammelten wir ein, was wertvoll oder nützlich erschien. Mir war gar nicht aufgefallen, dass zwei von Rollos Männern und auch er selber dabei fehlten. Doch anders als wir hatten sie sich mit den Dorfhäusern beschäftigt, die vor dem Kloster lagen. Sie brachten Vorräte, mehrere Kühe und Schweine … und eine Nonne in ihrem üblichen Gewand, graue Kutte bis zu den Füßen, weißes Kopftuch, Kreuz um den Hals."
Wieder schwieg Thorstein, um sich noch einmal daran zu erinnern, was damals geschehen war. "Rollo zog sie an dieser Kreuzkette hinter sich her", entsann er sich. "'Sie sagt, sie ist eine Braut des Herrn', grölte er."
Der Steuermann räusperte sich verlegen. "Nun, jedenfalls schafften sie sie in die Kirche und warfen sie dort vor den Altar. Man sah gut, was sie trieben, denn das große Eingangsportal stand sperrangelweit offen und der Altar lag genau gegenüber."
Eindringlich richtete Thorstein nun seinen Blick auf Rúna und seine Gefährtin schien es zu spüren und erwiderte den Kontakt. "Wenn sie eine Braut des Herrn sei, so schrie Rollo, dann wäre dies der beste Platz, um die Hochzeit zu feiern."
Thorstein senkte seinen Blick. Zwar hatte er sich selber an dem Kommenden nicht beteiligt, doch er erinnerte sich nur zu gut daran und es überkam ihn Scham bei dem Gedanken an die junge wehrlose Frau, der auf den Stufen vor dem Altar ihres Gottes die Kleider vom Leib gerissen wurden.
"Rollo war der Erste, der sie bestieg", fuhr er seufzend fort. "Und er versicherte ihr, dass es ihm besonders gut getan habe, eine Jungfrau unter sich spüren. Danach winkte er seine Männer heran und jeder von ihnen, das ganze Dutzend seiner Krieger, bestieg die Frau. Dass Solvig diese Tortur überleben würde - daran hat keiner von uns anderen geglaubt. Doch am nächsten Morgen lebte sie noch und so nahm sie Rollo mit an Bord. Sie sei zäh genug, um ihm noch Freude zu bereiten, ließ er sie wissen."
Thorstein wandte sich nun eher an Jorunn bei dem, was er noch zu sagen hatte.  "Sie kam also hierher und wir alle wissen, wie Rollo mit seinen Sklavinnen umgeht. Bei Solvig hat er es dann aber offenbar übertrieben. Dass er sie eingesperrt hatte, als der Brand ausbrach, kam sicher nicht von ungefähr. Ein Wunder, dass ihr Kind das alles überlebt hat …"
Er sah wieder hinunter zu Rúna, die das kleines Mädchen inzwischen im Arm hielt und fest an sich presste. Wenn einer so mit seiner Gefährtin umgegangen wäre … Thorstein dankte in diesem Moment allen ihm bekannten Göttern, dass sie Rúna nur zu Àri geschickt hatten. Nicht auszudenken, wenn sie einem Mann wie Rollo in die Hände gefallen wäre.


Liebe Leserinnen (und Leser ???),
die Beschreibung des Raubzuges nach Lindisfarne kommt nicht von ungefähr. Es gibt recht genaue Quellen, die diese Überfälle schildern. Mehr dazu habe ich euch in den "Hintergründen" eingestellt. Falls ihr mögt, schaut doch dort mal vorbei oder besucht die Seite zum Buch bei Facebook:
https://www.facebook.com/Von-Rabenv%C3%B6lkern-und-Seewikingern-489983544488958/
Viel Spaß bei allem, was ihr so heute anfangt!
Eure Sophie

Übrigens: Diese Geschichte hat schon über 900 "Augen" und ich weiß kaum, wer hier schmökert. Wäre schon schön, mal zu erfahren, wie ihr meine "Wikis" bisher fandet!

Comments

  • Author Portrait

    Mich schaudert beim Lesen dieses gemeinen Überfalls und der Vergewaltigungen... Aber ich weiß, daß solches damals "normal" war... Bei der Schilderung des Klosters kam mir Mt. St. Michel in den Sinn in der Bretagne. Ich werde gleich noch die historischen Hintergünde lesen! Aaaber ich mag Jorunn, Rúna und Thorstein! :-)

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media