Das kristallene Medaillon (43)

Die Meeresprinzessin gebot den Kindern, näher zu kommen. Verlegen taten diese, wie ihnen geheißen. «Sagt mir, wer ihr seid!» «Wir sind Menschenkinder,» antwortete Pia und dann erzählten sie und Benjamin ihre ganze Geschichte. Die Königsfamilie hörte gebannt zu. Schliesslich sprach der König: «Wir haben schon von euch gehört. Euer Ruf ist euch vorausgeeilt. Es freut uns sehr, euch in unserem Schloss willkommen zu heißen.» «Leider können wir nicht so lange bleiben,» bedauerte Pia. «Wir müssen wieder weiter. Vor allem müssen wir das Medaillon der vier Naturgewalten finden, um die Verbannten in ihre Heimat zurück zu bringen.» «Das Medaillon der vier Naturgewalten?» rief der König. «Ja erwiderten die Geschwister «wir müssen alle vier Hälften finden und sie dann zusammensetzen.» «Habt ihr denn schon einen Teil?» Nein leider noch nicht,» sprach Benjamin. «Bei einem Viertel jedoch, wissen wir, wo er sich vermutlich befindet.» «Vielleicht kann ich euch sogar weiterhelfen!» erwiderte der König fröhlich. «Ich weiß, wo der Teil mit dem Wassersymbol ist.» «Tatsächlich?» riefen die Kinder «Und wo?» «Nicht in meinem Reich, sondern im Silbermeer-Reich! König Niksana herrscht dort. Wenn er eure Geschichte erfährt, falls er sie nicht schon gehört hat, dann wird er euch bestimmt helfen. Ich werde ihm eine Nachricht schreiben. Wir sind gut befreundet.» «Das ist ja wunderbar!» freuten sich die Geschwister. «Ihr habt uns sehr geholfen!» «Das tue ich doch gerne. «Wir können gar nicht sagen, wie dankbar wir euch sind, großer König! Es ist kein Wunder, dass euer Volk euch so liebt und verehrt!» sprach Benjamin. Nikso winkte ab. «Wir sind auch nicht mehr als ein Teil der Schöpfung. Mögen wir hier heute auch Könige sein, in einer anderen Existenz, können wir eben so gut zu Bettlern werden. Niemand ist wertvoller, als der andere. Unsere Stellung bringt auch grosse Verantwortung mit sich. Ihr habt einen wichtigen Auftrag, der sich uns bisher noch nicht in allen Facetten erschließen vermag, aber ich weiß wir müssen alles tun, um euch zu helfen. Auch die anderen Geschöpfe werden das erkennen. Und die, die es nicht erkennen, werden durch eure Taten bestimmt überzeugt werden. Ich habe vollstes Vertrauen in euch!» Irgendwie wurde die Geschwister verlegen und auch etwas unsicher. Würden sie der unglaublichen Verantwortung, die auf ihren Schultern lastete, auch gerecht werden? Die Königin schien ihre Unsicherheit zu bemerken und meinte tröstend: «Habt keine Angst, ihr werdet bestimmt richtig geleitet! Das war bisher doch immer so. Wir werden euch die königliche Muschel- Kutsche, mit unseren Zug- Delfinen, zur Verfügung stellen, diese wird euch ins Silbermeerreich bringen. Wenn ihr dort angelangt seid, steigt einfach aus und die Delfine werden zu uns nach Hause zurückkehren.» Die Geschwister nickten dankbar.

Nun wandte sich die Königin an Ismala: «Ich nehme an, du wirst mit ihnen gehen?» Die Angesprochene nickte und erwiderte mit Traurigkeit in ihrer Stimme: «Ja ich denke schon. Immerhin haben sie ja den Trank, der mich zurück verwandeln wird. Man weiß ja nie, was noch weiter passieren wird und ob sie mich nicht doch noch brauchen werden.» Die Königsfamilie nickte und erwiderte: «Das können wir gut verstehen.» Nofretes Mutter, sprach: «Ich danke euch für alles, was ihr für mich getan habt. Ich werde euch stets in meinem Herzen bewahren. Besonders dich meine liebe Niri!» Sie wandte sich an die Prinzessin. Diese schwamm mit traurigem Gesicht zu Ismala hin und umarmte sie. «Wir werden dich sehr vermissen! «Ich hoffe du wirst uns nicht ganz vergessen.» «Nein auf keinen Fall! Wir werden uns einst wiedersehen und wenn nicht in diesem Leben, dann sicher in einem nächsten.» Die Königsfamilie nickte erneut, betrübt und hoffnungsvoll zugleich.

Nikso meinte schliesslich: «Sagt uns einfach, wann ihr aufbrechen wollt und ich schicke euch unsere Kutsche. Ihr könnt diese unter, sowie auch über Wasser benutzen. Ganz wie es euch beliebt. Die Delfine schwimmen wie der Wind und hören auf jedes Kommando. Ausserdem kennen sie den Weg zu Niksanas Schloss. Dieses liegt nur eine Tagesreise von hier entfernt. «Das klingt sehr gut!» freute sich Benjamin. «Ich glaube wir verbringen die Nacht noch hier in der Bucht. Es dunkelt bereits ein.» «Das könnt ihr gerne machen. Ihr seid in meinem Reich sicher. Die Undinen und die anderen Wassergeister, werden ein Auge auf euch haben. Morgen früh, nach Sonnenaufgang, lassen wir euch die Kutsche dann bringen, wenn ihr wollt.» Die Jugendlichen nickten und bedankten sich ein weiteres Mal. Dann suchten ihre Blicke nach Ismala. Doch diese war bereits aus dem Schloss hinausgeschwommen. Sie war sehr traurig und wollte es sich nicht zu sehr anmerken lassen. Die Geschwister folgten ihr nun und zusammen, schwammen sie zurück zur Bucht. Es war noch immer angenehm warm. Die Undinen brachten Ihnen sogar noch etwas zu essen ans Ufer. Ismala konnte jedoch nicht an Land, weil sie ja noch immer ein Fisch war. Die Geschwister meinten: «Vielleicht sollten wir dir den Trank gleich verabreichen, damit du deine alte Gestalt wieder zurückbekommst. Wir haben ja auch noch die Beeren, wenn wir nochmals unter Wasser müssen. Was meinst du? Ismala nickte eifrig: «Natürlich! Ich kann es kaum erwarten, wieder ich selbst zu sein!» «Ich hoffe es funktioniert!» sprach Benjamin. Ismala meinte: «Wir werden es riskieren müssen.» So packte Benjamin den Trank aus. Ismala schloss eine Moment lang die Augen und atmete tief durch, dann verabreichte ihr Benjamin den Trank. Als Nofretes Mutter in geschluckt hatte, sprach er die Zauberformel. Dann entfernten er und Pia sich sicherheitshalber ein Stück von der Königin. Das Wasser um den königlichen Fisch, begann nun auf einmal zu brodeln und zu zischen.

Kurz darauf, tauchte eine wunderschöne Frau aus dem Wasser auf! Sie glich Nofretete sehr, nur dass sie natürlich ein Stück älter war und bereits ein paar silberne Strähnen in Ihrem langen, dunkelbraunen Haar hatte. Voller Erstaunen starrten die Kinder die Frau an und es kam ihnen vor, als ob gerade eine mütterliche Göttin, dem Meer entstiegen wäre. Ismala trug ein smaragdgrünes Kleid, mit einem königsblauen Umhang über den Schultern. Er war befestigt mit perlenbesetzten, goldenen Fibeln. Um ihre Hüften lag ein orangefarbener Gürtel, mit einer reich verzierten, blütenförmigen, ebenfalls goldenen Schnalle. Sie war, wie die Fibeln mit Perlen besetzt und auch in ihrem Haar glänzten Perlen. Um den Hals trug sie eine Perlenkette, mit Saphiren und Smaragden dazwischen. Sie war anmutig und hochgewachsen. Ungläubig betrachtete sie sich von oben bis unten. «Ich bin tatsächlich wieder die Alte!» schrie sie und strahlte dabei über das ganze Gesicht, was ihr noch mehr Anmut verlieh.

Sie tastete sich überall ab, schaute ob auch wirklich wieder alles dran war. Dann wandte sie sich an die Geschwister: « Das werde ich euch und auch Malek, niemals vergessen!» Spontan umarmte sie die beiden. «Ich kann es noch immer nicht fassen!» Die Kinder freuten sich natürlich mit ihr. «Nun fehlt uns nur noch das Medaillon!» sprach Pia. «Aber ich bin guter Dinge!» «Das bin ich auch!» sprach Ismala. «Morgen werden wir zusammen ins Silbermeer Reich reisen und Niksana davon überzeugen uns den Viertel, den er besitzt, zu überlassen.»

So setzten sich die drei noch eine Weile zusammen und schauten hinaus auf das türkisblaue Meer, welches nun immer mehr von der Abendsonne in sanfte Pastellfarben getaucht wurde. Der Sonnenuntergang war hier etwas blasser, doch das passte hervorragend zu dieser Welt. Vergnügt schauten sie den verschiedenen Wassergeistern zu, die noch etwas draußen vor der Bucht spielten. Ab und zu schwammen selbige etwas näher ans Ufer und fragten ob alles in Ordnung sei. Das gab den dreien eine wundervolle Sicherheit und tiefer, innerer Frieden breitete sich in ihnen aus. Schliesslich fielen ihnen die Augen zu und sie schliefen glücklich ein.

In der Nacht erwachten sie jedoch plötzlich wieder, denn ein wundervoller Gesang drang an ihre Ohren. Sofort waren sie hell wach und versuchten dem Ursprung der herrlichen Klänge auf den Grund zu gehen. Etwas Wind war aufgekommen und die Wellen des Meeres waren nun etwas höher geworden. Pia und Benjamin konnte es nicht fassen, die Wellenkämme leuchteten auf einmal in einem magischen Schein. «Das sind die Wasserfeen!» flüsterte Ismala. «Schaut mal genauer hin!» Die drei erhoben sich und gingen näher ans Wasser heran und tatsächlich! Das Licht auf den Wellen entpuppte sich als eine Vielzahl von kleinen, filigranen Wesen, von welchen der magische Gesang stammte. Sie waren unglaublich klein und zart, beinahe durchsichtig, besassen kleine Glieder und man konnte kein Geschlecht erkennen. Ihre Körper waren mit Schaum gekrönt. Von ihnen ging ein unbeschreibliches Leuchten aus! Einige von ihnen ritten teilweise auf kleinen Fischen, wieder andere sogar auf Seepferdchen. Pia streckte bezaubert die Hand aus und eins der kleinen Wesen sprang hinein. Es fühlte sich kühl an, wie ein Wassertropfen und die Geschwister und auch Ismala betrachteten es entzückt. «Ihr seid die Wasserfeen?» fragte das Mädchen. «Ja, das stimmt,» gab das winzige Wesen zurück und hüpfte munter auf Pias Hand auf und nieder. «Wir dachten, wir schauen mal vorbei, um euch unsererseits eine gute Reise zu wünschen. Unser Gesang ist ein Geschenk an euch! Er soll euch in den Schlaf singen!» «Das ist wunderbar!» sprach Pia. «Vielen Dank!» Vorsichtig senkte sie ihre Hand wieder ab und die kleine Wasserfee, sprang zurück auf den nächsten Wellenkamm.

Die drei gingen zurück zu ihrem Lager und lauschten noch eine Weile, tief bewegt, dem herrlichen Gesang der kleinen Wassergeister, bis ihnen die Augen zufielen und sie in einen tiefen, mit wunderschönen Träumen erfüllten, Schlaf sanken.  

Am nächsten Morgen rissen sie erneut kühle Wassertropfen auf ihren Gesichtern, aus dem tiefen Schlaf. Die Undinen blickten lachend auf sie herab. «Es wird Zeit aufzustehen ihr Schlafmützen!» riefen sie. «Die Muschel- Kutsche ist zur Abreise bereit!» «Das ist ja wunderbar!» Ismala klatschte in die Hände und hielt nach der Kutsche Ausschau. Diese sah aus wie eine gewöhnliche, crèmefarbene Muschel, die man an den Rändern jedoch mit wunderschönen Einlegearbeiten, aus Korallenstücken, verziert hatte. Sie lag im seichten Wasser und die vier Delfine, welche sie zogen, gaben ein vergnügtes Schnattern von sich. Die Undinen meinten: «Wir haben euch nochmals etwas Verpflegung gebracht!» Und auch etwas Trinkwasser für den Weg.» Die drei bedankten sich und setzten sich nochmals kurz in den, von der Nacht noch kühlen, rosafarbenen Sand. Nofretes Mutter, liess eine Handvoll davon durch ihre Finger rieseln und meinte: « Eigentlich würde ich gerne ein wenig von diesen Sand als Andenken mitnehmen.» «Das können wir gerne machen!» erwiderte Benjamin «du kannst die Flasche nehmen in der vorhin der Trank war, dann hast du gleich eine doppelte Erinnerung.» Ismala nickte zustimmend, wusch die Flasche aus und füllte sie dann mit Sand, dann liess sie sie in die Tasche ihres Umhanges gleiten.

Bald waren sie bereit und machten sich daran in die Kutsche zu steigen. Die Undinen sprangen munter um sie herum, lachten und riefen: «Eine gute Reise euch dreien! Haltet das königliche Gefährt in Ehren!» «Auf jeden Fall!» sprachen die Kinder und Benjamin half Ismala galant in die Kutsche, indem er ihr seine Hand reichte. Die Königin lächelte und nickte ihm wohlwollend zu. Die Kutsche war in ihrem Inneren, mit weichen Matten ausgekleidet. Die Sitze waren bequem und sie fühlt sich nun selbst wie die Könige. Eine der Undinen befahl den Delfinen etwas in einer unbekannten, keckernden Sprache und diese setzen sich nun in Bewegung. Noch lange schauten die Wassergeister ihnen hinterher und winkten, bis sie ihren Blicken entschwanden.



 

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