Das kristallene Medaillon (Teil 30)

„Was meinst du damit?" fragte Pia erschüttert. Der Baumgeist schwieg einen Moment, dann erwiderte er:

„Ich bin schon so lange auf dieser Welt. Ich bin alt und müde." „Aber du wirst mein Volk doch nicht ohne deinen Beistand zurücklassen?" sprach Markuloz betrübt. „Nur keine Angst," beruhigte ihn der Baumgeist „aus diesen Samen werden neue Goldene Tannen wachsen und mein Erbgut, wird an sie weitergegeben werden. Als ich Hungoloz den Zapfen gab, legte ich mein Geschick in seine Hände." „Warum ausgerechnet in seine Hände?" wollte Markuloz wissen. „Weil er einmal ein sehr mächtiger, gütiger Elfenfürst wird, der sein Volk in ein neues Zeitalter führt." „Was für ein Zeitalter?" fragte Benjamin neugierig. „Das darf ich euch noch nicht sagen," erwiderte der Baumgeist.

„Ihr wolltet mir aber noch andere Fragen stellen, nicht wahr?" „Ja," antwortete Pia. „Dann fragt!" forderte sie der Tannengeist auf. „Na gut," sagte Benjamin. „es geht um den Vater von Hungoloz. Ist es wahr, dass die Nymphe vom Teich ihn und einige andere hat verschwinden lassen?" Der Baumgeist schwieg einen Augenblick, dann entgegnete er: „Ich befürchte ja. Sie ist sehr zornig." „Aber weshalb?" fragte Markuloz „wir haben ihr doch nie etwas getan." Ihr nicht, aber ein Mitglied eures Volkes, hat einst ihren Schmuck geraubt. Es handelte sich dabei um ein Collier überirdischer Schönheit. Nymphen sind sehr eitel. Sie wollen stets von perfekter Schönheit sein. Für die Nymphe Miowa, war es ein schändliches Vergehen, als man ihr das Collier raubte. Es war als ob man ihr eine tiefe Wunde zugefügt hätte. Damals schwor sie, sich an allen Waldelfen zu rächen." „Ist sie sehr böse?" fragte Pia. „Nein, eigentlich sind die Nymphen friedliche Geschöpfe. Sie können jedoch sehr zornig werden, eben besonders, wenn jemand sie in ihrem Stolz verletzt." „Glaubst du das unsere Leute tot sind?" fragte Markuloz ängstlich. „Ich weiss es nicht. Das müsst ihr die Nymphe selbst fragen. Doch ich würde euch empfehlen, auf die Suche nach dem Collier zu gehen. Vielleicht ist es noch irgendwo unter euren Schätzen. Wenn nicht, müsst ihr versuchen, einen angemessenen Ersatz zu finden."

Markuloz hatte mit gesenktem Kopf zugehört. Es war als ob er angestrengt nachdenken würde. Schliesslich sprach er: „Es wird Zeit, dass wir Sühne leisten, für das was einer unserer Brüder der Nymphe angetan hat. Es muss endlich Friede zwischen ihr und uns geben. Ich werde deshalb dafür sorgen, dass alle Schätze meines Volkes zusammengetragen werden, um herauszufinden ob irgend jemand das Collier Miowas noch besitzt. Nur eine Frage noch guter Geist: Kannst du mir sagen wie es aussieht?" „Ja, das kann ich. Es ist wie gesagt, ein Collier von herrlicher Schönheit. Gefertigt aus sechs Diamanten und sechs Saphiren. Alle Steine sind so gross wie mein Daumennagel. In der Mitte befindet sich ein blauer Diamant von fünf Zentimetern Durchmesser." „Bei allen Geistern, ein wirklich wertvolles Stück." „Ja, doch es gehört nun mal rechtmässig der Nymphe." „Ich werde alles daransetzen, dass das Collier gefunden wird," versprach Markuloz. „Der Friede ist mir wichtiger als alle Diamanten der Welt." „Ja, da hast du weise gesprochen," meinte der Tannengeist wohlwollend.

„Wir werden dir helfen," versprachen Pia und Benjamin, an den Elf gewandt. „Ich glaube euch," sagte der Baumgeist. „Ihr habt schon viele gute Werke getan. Deshalb will ich euch auch noch weitere Fragen beantworten. Sofern ihr noch welche habt," fügte er verschmitzt hinzu. Benjamin antwortete: „Ja, eine Frage haben wir noch. Wir müssen ja das Feuer der ewig, göttlichen Liebe suchen, um Malek zu besiegen, wissen jedoch nicht wo wir mit der Suche beginnen sollen." Der Tannengeist überlegte eine Weile, dann sprach er: „Aber wie ich weiss beherrscht ihr ja die Sphärenwanderung." „Ja schon aber..." „Dann ist es keine grosse Sache mehr für euch. Ihr müsst eure Gedanken nur auf das Feuer konzentrieren, dann wird euch die Tür zur gesuchten Welt geöffnet." „"Ist das alles?" wollte Pia wissen. „Ich selbst beherrsche die Sphärenwanderung nicht, doch ich weiss, dass es nur auf die richtige Konzentration ankommt. Ihr Menschen habt andere Fähigkeiten." „Das sagte man uns schon," erwiderte Benjamin. „Doch ich weiss nicht, ob das wirklich so einfach ist. Bisher hat uns stets eine Fee geholfen." „Ihr müsst eben an euch glauben," sprach der Tannengeist. „Versucht es einfach mal. Ihr tragt ja übrigens noch Feenstaub bei euch. Der kann euch dabei bestimmt von Nutzen sein. „Erstaunt fasste Benjamin an seine Tasche. Woher wusste dieser Baum bloss soviel? Naja, er hatte bereits aufgehört darüber Fragen zu stellen. In dieser Welt war nun mal alles anders. Jedenfalls erschien ihm der Rat der Tanne plausibel. Vielleicht konnte ihnen der Feenstaub wirklich helfen. So sagte er: „Ich danke dir für deine Hilfe, wir werden es versuchen." „Ich habe euch zu danken," erwiderte der Geist. „Ihr habt meine Samen gesäht und mir Nachricht von Hungoloz gebracht. Nun werde ich diese Welt bald verlassen können. Ein Teil von mir, wird jedoch in meinen Kindern, die aus den Samen wachsen, weiterleben." Pia fragte: „Was ist mit dem Zapfen?" „Ihr könnt ihn behalten, als Erinnerung an mich. So lebt nun wohl. Ich muss jetzt etwas Ruhe haben. Viel Glück, auch für dich guter Markuloz. Ich danke dir, dass dein Volk mir stets soviel Liebe entgegengebracht hat." Mit diesen Worten trat der Geist in den Baum zurück und verschwand. Noch eine Weile standen die Drei schweigend da. Es kam ihnen vor, als ob sie von einem guten Freund, Abschied genommen hätten. Markuloz weinte sogar. Pia legte den Arm um ihn und sprach: „Sei nicht traurig. Der Geist versprach doch, in seinen Kindern weiterzuleben. Ausserdem hast du einen Grund dich zu freuen. Dein Enkel wird mal ein sehr wichtiger Mann werden." Markuloz schwieg. Er wandte sich langsam um und ging davon. Die Kinder folgten ihm. Sie sahen nicht, dass bereits mehrere Tannenschösslinge aus der Erde emporwuchsen. Die alte Tanne jedoch liess ihre Äste hängen und verdorrte. Ihr Geist hatte sie verlassen…

Die Nymphe Miowa

Zurück im Elfendorf, trommelte Markuloz alle Leute zusammen. Zuerst wurde zu Ehren der Goldenen Tanne eine Schweigeminute eingelegt, doch Markuloz ermutigte sein Volk zugleich, nicht zu verzagen, denn es gab ja wieder junge Tannen, die das Werk der Alten, fortführen würden. Ausserdem war nun etwas anderes im Vordergrund. Das Collier der Nymphe musste gefunden werden! Markuloz befahl allen, ihre Schätze auf die Lichtung zu bringen. Er selbst räumte zusammen mit Pia und Benjamin seine ganze Schatzkammer aus. Sie fanden jedoch nichts, dass dem Schmuck der Nymphe, auch nur im Entferntesten, ähnlichsah. Alles wurde begutachtet. Keine Spur vom Collier. „Sind das wirklich alle Schätze?" fragte Markuloz. Seine Leute bejaten. „Hat es nirgendwo mehr alte Familienerbstücke, an die ihr vielleicht nicht gedacht habt?" Die Elfen schüttelten die Köpfe und verneinten. „Dann weiss ich nicht, was wir tun können um die Nymphe zu besänftigen." „Vielleicht doch," sprach Benjamin. Alle schauten Pias Bruder fragend an. „Sprich mein Junge!" forderte ihn Markuloz auf. „Wir müssen eben versuchen, aus verschiedenen Schmuckstücken, so ein Collier zu fertigen. So würde jeder einen Beitrag dazu leisten." Der Elfenälteste fand dies eine gute Idee und sprach: „Ein weiser Rat. Was haltet ihr davon ihr Elfen? Ist euch der Friede dieses Opfer wert?" Ein älterer Mann trat aus der Menge und sprach: „Glaubst du, dass die Nymphe ein nachgemachtes Collier annehmen wird?" „Wenn es genau so schön ist, wie ihr eigenes, glaube ich schon," antwortete Benjamin. Was brauchen wir dazu?" fragte eine Frau. „Sechs Diamanten und sechs Saphire in der Grösse eines männlichen Daumennagels und einen grossen, blauen Diamanten mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern." Als er das sagte, ging ein aufgeregtes Raunen durch die Menge. „Ich glaube wir könnten das Collier zusammenstellen," sagte Benjamin. „Ihr müsst jedoch bereit sein, all eure Schmuckstücke zur Verfügung zu stellen. Wollt ihr das?" „Wenn die Nymphe unsere Freunde dann wieder zurückbringt, ja!" erwiderten einige der Elfen. „Tut sie es nicht, kriegt sie das Collier nicht," sprach Benjamin. „Trotzdem müssen wir den Schmuck so schnell wie möglich anfertigen, sonst haben wir nichts in der Hand. Also was ist?" „In Ordnung!" riefen die Elfen nun. „Nehmt von unseren Schätzen was ihr braucht."

So begannen Pia, Benjamin und die andern, die nötigen Steine zusammenzusuchen. Saphire hatte es genug, besonders Markulozs Schätze waren wertvoll. Fünf von sechs Diamanten konnte er beisteuern. Den Sechsten bekamen sie von Runkolozs Mutter, welche einen diamantenen Ring besass. Nur einen blauen Diamanten mit fünf Zentimetern Durchmesser besass niemand. Es gab nur zwei mit ca. zwei Zentimetern Durchmesser. „Das wäre es dann wohl," sagte Markuloz enttäuscht. „Sag sowas nicht," meinte Pia. „Wir nehmen eben beide Steine, als Ersatz für den Grossen." „Meinst du die Nymphe akzeptiert das?" fragte Markuloz. „Ich hoffe es." „Was wäre, wenn wir ihr dazu noch ein passendes Armband geben? Dann sagt sie bestimmt ja," schlug Benjamin vor. Dieser Vorschlag wurde von den Waldelfen erst etwas unwillig angenommen, doch schliesslich lenkten sie ein.

Es dauerte drei Tage bis das Collier und das Armband fertig waren. Die Waldleute waren sehr geschickte Goldschmiede und am Ende waren aus den Steinen herrliche Schmuckstücke geworden. „Sie sind wunderschön!" schwärmte Pia. „Ich bin sicher, dass Miowa begeistert sein wird!" Benjamin grinste und sprach: „Na, du als Frau musst es ja wissen."

Am kommenden Morgen machten sich die Geschwister und Markuloz auf zum Teich. Das Collier und das Armband, trugen sie in einer Schatulle bei sich. Pia hatte ausserdem noch einen Strauss Blumen dabei. Sie glaubte, die Nymphe damit besser anlocken zu können. Es gab tatsächlich einen sichereren Weg zum Teich als Runkoloz ihn gewählt hatte. Bald kamen sie an den Rand des kleinen Sees. Markuloz versteckte sich hinter dem Schilf. Das Wasser gurgelte leise und überspühlte den Strand. Es war noch ganz still, nur einige Vögel zwitscherten und Frösche quakten. Pia legte den Blumenstrauss in das seichte Wasser. Die Wellen trugen ihn sofort mit sich fort. Benjamin rief: „Nymphe Miowa bitte zeige dich, wir haben dir ein Geschäft vorzuschlagen." Lange geschah nichts, dann jedoch, begann sich das Wasser um den Blumenstrauss herum langsam zu kräuseln und plötzlich tauchte die Nymphe, wie aus dem Nichts, auf! Ihr Anblick war so schön, dass den Geschwistern der Mund offen stehen blieb. Miowa wirkte sehr jung. Ihre Haut war glatt und weiss. Sie hatte wohlgeformte Brüste, die mit Seerosenblättern bedeckt waren. Ihr hellblondes Haar fiel ihr in glänzenden Wellen über die zarten Schultern. Ihre grossen Augen waren wie blaue Sterne und wurden von langen, schimmernden Wimpern umrahmt. Der Mund war rot und voll. Ihre Erscheinung erinnerte Pia an ein Gemälde. Kein Makel war an der Nymphe zu finden.

 

Comments

  • Author Portrait

    Phantastisch!

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Fairy Dust

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