Das kristallene Medaillon (Teil 4)

Als sie den kleinen Weiler betraten, war es ihnen erneut wie bei der Waldlichtung, als überträten sie eine unsichtbare Schwelle. Ein seltsames Gefühl beschlich sie dabei. Irgendwie hatten sie immer mehr den Eindruck, Teil von etwas Besonderem zu sein. Das Gasthaus war ein alter Riegelbau. Die vom Wetter verwitterten Zwischenstreben, waren im Laufe der Jahre fast dunkelbraun geworden, sein Dach war aus Stroh, wie das der danebenliegenden Steinbauten. Zwei uralte, unebene Treppenstufen, führten zu einer geschnitzten Eichentür. Ächzend öffnete sich diese. Der Innenraum war altertümlich eingerichtet. Etwa zehn kleinere und größere Holztische stand herum, ebenfalls mit phantasievollen Schnitzereien an den vierteiligen Füssen. Überhaupt war alles mit irgendwelchen Schnitzereien verziert, sie stellten seltsame Fabelwesen, wie Drachen, Mischwesen und andere dar. Die hellbraunen Dachbalken waren ebenfalls verziert und der Giebel noch mit mythischen Szenen bemalt. Die alten Stühle waren mit einem samtähnlichen, grünen Material bezogen. Die Turner Kinder, hatten noch nichts dergleichen gesehen. Erstaunt blickten sie sich um. Ein seltsamer Haufen von Leuten hatte sich hier versammelt. Es gab kleinwüchsige Männer mit dichten Bärten, daneben saßen ebenfalls kleine, gedrungenen mit großen, roten Nasen. Auch gab es Hochgewachsene, schlanke Personen mit grünen, für die Kinder mittelalterlich anmutenden Kleidern und spitzen Ohren, makellos schöne Herren und Damen mit luftigen bunten Gewändern, deren Haare von blond über dunkel zu silbern fast alles aufwiesen und auch noch Gestalten mit feurigen Haaren, dazu passenden Kleidern und Funken in den Augen. Doch jemand anderer zog die Aufmerksamkeit der Geschwister auf sich. Es war ein schmaler, zwergenhafter Mann, vermutlich in mittleren Jahren, mit einer ledernen, braunen Hose, einem ebensolche Oberteil und einem spitzen Hut auf dem Kopf. Sein Gesicht war länglich und ein kurzes, spitzes Bärtchen zierte sein Kinn. Um den Hals trug er einen blauen Kristall, wie Isobia es beschrieb. „Das muss unser Kontakt sein!“ rief Benjamin aus und bahnte sich einen Weg zwischen den Tischen hindurch. Dabei achtete er nicht sonderlich auf die erstaunten Gesichter rundherum. Der Braungewandete erhob sich und kam den beiden entgegen. „Seit ihr die Turner Kinder?“ fragte er mit einer eher meckernden Stimme?“ Bist du denn Lumniuz?“ stellte Benjamin vorsorglich die Gegenfrage. „Ja, der bin ich. Kommt mit! Wir gehen dorthin wo wir ungestört sind. Man weiß nie, wann die Diener des Bösen herkommen. Ihr müsst sehr auf der Hut sein! Kelwin der Wirt, hat uns ein Zimmer an einem sicheren Ort besorgt. Es ist unten im Kellergeschoss, etwas dunkel, aber eben...sicher.“

Er ging mit ihnen eine Treppe hinunter. Vor ihnen lag ein feuchtkalter Keller mit allerlei Vorräten und verschiedenen Weinen. Lumniuz schob ein Gestell beiseite und vor ihnen erschien eine weitere, kleine Tür. Diese öffnete Lumniuz mit einem besonderen Schlüssel. Die Geschwister sahen ihm immer noch erstaunt zu. Ihr Begleiter reichte Pia, die etwa 1.70 groß war, nur bis zur Taille. Doch er schien sehr selbstsicher zu sein. Irgendwie war er nicht wie ein Mensch, er war...anders. Viele Fragen brannten ihnen auf den Lippen, aber sie wussten, dass im Augenblick nicht der richtige Zeitpunkt war sie zu stellen. Erst als sie in einem kleinen Zimmer, mit einem großen und einem kleinen Bett standen, das einzig durch ein schmales Fenster erleuchtet wurde , welches hinaus auf den kopfsteinernen Vorhof des Gasthauses führte, erfuhren sie mehr. Lumniuz wirkte nun auch wieder entspannter und lächelte sie das erste Mal verschmitzt an. Sie erkannten, dass er wohl eine sehr fröhliche Person war, wenn er nicht unter Druck stand. „So?“ sagte er freundlich „Wollt ihr mit nicht einige Fragen stellen?“ Er setzte sich auf den Rand des kleinen Bettes und die Geschwister sich ihm gegenüber auf das Große. „Allerdings!“ platzte Benjamin heraus. „Eine ganze Menge! Was sollen wir z.B. hier? Was ist das für ein seltsamer Ort? Wer bist du und was hat es mit diesen schrecklichen Kapuzenträgern auf sich, die uns aus einem unerfindlichen Grund an den Kragen wollen?“ Lumniuz hörte dem Redeschwall des Jungen mit einem Schmunzeln zu, doch anstatt gleich zu antworten beugte er sich über den Korb den Benjamin neben sich gestellt hatte. „Erst mal, wie geht es eurem Schützling eigentlich?“ „Oh dem Kaninchen geht es gut!“ erwiderte Pia schnell, um das Gespräch wieder auf Benjamins Fragen zu lenken, denn auch sie platzte vor Neugier. Doch Lumniuz ließ sich Zeit. Mit stoischer Ruhe öffnete er den Korb und blickte hinein. Einen Moment verharrte er, seine Augen fixierten die des Kaninchens, das nun voller Aufmerksamkeit schien. Schliesslich wandte sich Lumniuz wieder an die Kinder: „Sie sagt, ihr hättet gut zu ihr geschaut. Sie mag euch.“ „Es...ist also eine sie?“ fragte Benjamin. „Ja...“gab Lumniuz nachdenklich zurück. „Ich glaube ich muss euch das erklären. Es ist eine seltsame Geschichte, eine sehr traurige Geschichte dazu noch. Es handelt sich bei diesem Tier um ein sehr Besonderes. Auch wenn es für euch unglaublich klingen mag. Einst war dieses Häschen eine Königstochter, namens Nofrete. Ihre Familie war Herrscher über ein mächtiges Königreich, welches weit weg von hier in einer anderen Ebene liegt. Man nennt es... Das Reich der hundert Juwelen. Es muss ein herrlicher Ort gewesen sein: die Gebäude geschmückt mit den schönsten Edelsteinen, das Land grün und fruchtbar, beschienen von einer goldenen Sonne...Doch eines Tages geschah etwas Schreckliches. Der böse Zauberer Malek wollte die Macht über diese Welt an sich reissen. Er rief aus den tiefsten Tiefen der Unterwelt, Gob- den Höllendrachen herbei, eine schreckliche Kreatur mit drei Köpfen Sein erster Kopf ähnelte dem einer Schlange, er sass auf einem langen, biegsamen Hals. Der zweite Kopf glich dem eines Tigers und war gelb-schwarz gestreift. Der dritte Kopf sah aus wie der eines stark entstellten Menschen.

Das Ungeheuer spukte Feuer, welches alles zu Asche verbrannte. Malek, so erzählt man sich sass auf seinem Rücken und sandte einen schlimmen Zauber gegen die ganze Königsfamilie und deren Hofstaat. Sie alle wurden dadurch in verschiedene Tiere verwandelt. Doch damit nicht genug. Malek wandte einen noch schlimmeren Fluch an. Er verbannte all die armen Seelen auch noch in verschiedene Welten. Eine Reise ohne Wiederkehr. Nofrete- die Königstochter landete, wie ihr nun wisst, auf eurer Erde.“

Lumniuz hielt einen Moment inne und blickte traurig auf das Häschen in dessen Augen auf einmal Tränen zu glänzen schienen. „Aber...das klingt ja unglaublich!“ rief Benjamin aus. „Ja, doch es ist leider die Wahrheit. „Dann ist dieses Kaninchen also...eine Königstochter?“ hakte Pia nochmals nach. „Ja...ihr nennt sie auch Smaragd Lady.“ „Sie...ist die Frau aus unserem Traum?“ „Ja. Sie hat es vermutlich geschafft mit euren Seelen in Verbindung zu treten. Darum müsst ihr etwas Besonderes sein. Glaubt ihr an Märchen, Sagen und Legenden?“ „Teils, teils,“ gab Benjamin zurück. „Ich eigentlich schon,“ fügte Pia hinzu. „Irgendetwas muss bei euch jedenfalls anders sein, als bei andern Menschen. Sonst wärt ihr nicht hier. Ihr...befindet euch ja schon in der Welt der Märchen, Sagen und Legenden.“ „Was meinst du damit? Wir sind doch in Irland.“ Nicht mehr. Ihr seid an einem Grenzort, an einem Ort zwischen den Welten. Sind euch die Gestalten, die ihr hier angetroffen habt, nicht etwas seltsam vorgekommen?“ „Doch schon...“ „Diese Geschöpfe sind alles sogenannte Elementar- oder Naturgeister. Die mit den roten Nasen sind die Trolle, die Bärtigen die Zwerge, die Grüngewandeten die Waldgnome, die mit den luftigen, bunten Gewändern Wasser- oder vermutlich getarnte Luftgeister und die mit den feurigen Augen gehören dem Reich des Feuers an. Die vier Häuser um den Gasthof, symbolisieren die vier Elemente, die vier Naturgewalten. Durch sie gelangt man in die verschiedenen Element- Welten. Eigentlich kann kein irdisches Geschöpft überhaupt das Gasthaus sehen und schon gar nicht betreten. Die Besucher in der Gaststube können zwar in die irdische Welt gelangen, doch man wird sie nicht sehen. Sie wirken im Unsichtbaren. Ihr aber seht sie. Das ist einzigartig.“ Die Geschwister kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Aber...“ fragte Benjamin „dann könnten wir von hier eigentlich überall hin gelangen, wo immer wir wollen?“ „Nur dorthin wo es euch erlaubt wird. Eigentlich sind nur die Elementarwesen dazu befähigt zwischen den verschiedenen Welten zu wandeln. Andere auch anders geartete Spezies, die ihr ebenfalls noch kennenlernen werdet, können das nur in beschränktem Rahmen. Ausser es sind Wanderfeen wie Isobia z.B.“ „Aber warum müssen wir uns dann so vor den Kaputzenträgern fürchten?“ „Weil es eigentlich Dämonen sind, die sich der Körper irgendwelcher Menschen bedienen.“ „Dämonen kommen also hierher?“ „Nur selten. Sie sind hier ungern gesehen.“ „Das kann ich mir vorstellen,“ meinte Benjamin ironisch und dachte unvermittelt an die schrecklichen Füsse, die er glaubte gesehen zu haben. Pia fragte: „Aber was für Menschen sind dass, die sich von solchen Kreaturen beherrschen lassen.“ Es sind sogenannte „Schwarze Druiden“. Sie gehören einem Kult an, der einer uralten, keltischen Kriegsgottheit dient. Diese Kriegsgottheit galt als sehr grausam. Es wurden ihr sogar Menschenopfer dargebracht. Diese „Schwarzen Druiden“ sehen sich als die Nachfolger der keltischen Druiden, nur dass sie deren Lehre vollkommen in den Schmutz ziehen. Darum ja auch der Name „Schwarze Druiden.“ Durch ihr Verschulden verschwanden auch schon Obdachlose, oder andere Leute die am Rande der Gesellschaft leben und die kaum jemand vermisst.“ „Aber, das ist furchtbar!“ „Ja. Doch das ist auch der Grund warum Maleks Häscher sich diese verdorbenen Druiden als Werkzeug auserwählt haben.“ „Das sind...Maleks Diener?“ „Ja.“ Auf einmal mussten die Geschwister wieder an das schattenhafte Gesicht denken, dass auf ihrem Weg hierher zu den Kaputzenmännern gesprochen hatte. Sie erzählten es Lumniuz. Dieser nickte: „Das war... Malek.“ „Aber warum jagt er ausgerechnet uns?“ „Ihr stellt eine Gefahr für ihn dar.“ „Aber wieso nur?“ „Das liegt noch im Dunkel, auch für mich. Ich bin nur ein Wegbegleiter, der euch sicher an euer nächstes Ziel geleiten muss. Dort werdet ihr mehr erfahren...“ „Wo aber ist das?“ „Das wird sich zeigen,“ erwiderte Lumniuz und er erhob sich, als habe er noch etwas Wichtiges zu tun. „Wir müssen uns für die Nacht vorbereiten,“ sprach er und trat zum Fenster. Er konzentrierte sich einen Moment, dann murmelte er etwas vor sich hin und fegte mit einer leichten Handbewegung über das Glas. Dieses schien auf einmal leicht getönt auszusehen. „So!“ meinte er dann enthusiastisch an die Geschwister gewandt, „wenn hier nun jemand reinschaut, sieht er nur einen Keller mit verschiedenen Weingestellen!“ „Was hast du getan?“ „Ach, nur ein kleiner Täuschungszauber.“„Ich hätte nicht gedacht, dass du Magie beherrscht,“ staunte Benjamin „Nur einige einfache Tricks,“ meinte Lumniuz bescheiden. „Wo hast du das gelernt?“ „Das ist eine lange Geschichte, vielleicht erzähle ich sie euch ja bald, aber nicht heute. Es wird Zeit zum schlafen.

Legt euch hin. Eine weite Reise liegt noch vor uns.“

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