Das kristallene Medaillon (Teil 5)

Schlafen? Wie hätten die Turner Kinder auch ans Schlafen denken können, bei all den Aufregungen in den letzten Stunden?

Sie lagen noch sehr lange wach. Lumniuz schlief gar nicht, er sass beim Fenster, alle Sinne angespannt. Schliesslich übermannte Benjamin der Schlaf, während Pia immer noch über so manches nachdachte. Schliesslich fragte sie leise an Lumniuz gewandt: „Glaubst du sie kommen heute Nacht, diese... Kapuzenträger. „Ich weiss es nicht, doch ihr seid hier sicherer als sonstwo.“ „Sag mal Lumniuz, woher kommst du eigentlich, zu welchen Geschöpfen zählst du?“ „Ich bin ein Erdgnom, meine Heimat ist die Erde. Ich werde euch Morgen dorthin mitnehmen.“ „In die Erde?“ „Ja, es wird euch gefallen. Wir leben dort sehr schön.“ „Wohin musst du uns führen?“ Lumniuz dachte einen Moment lang nach, als wisse er nicht so recht, ob er es sagen sollte. „Wir müssen den geheimnisvollen, blauen Kristall aufsuchen. Er kann uns den Weg in jener Welt öffnen, die ihr als Nächstes besuchten müsst. Diese Welt ist sonst für keinen Menschen erreichbar, ausser in seinen Träumen. Doch ihr und auch Nofrete werden dort schon sehnlichst erwartet.“ „Wo erwartet...?“ wollte das Mädchen fragen, als der Erdgnom plötzlich aufsprang und ihr mit unwirscher Stimme gebot still zu sein.

Er ging zum Fenster und blickte vorsichtig hinaus. Es war eine mondhelle Nacht, die jedoch auf einmal von dunklen Schatten getrübt wurde. Pia stockte der Atem. „Sie kommen!“ flüsterte Lumniuz. „Oh nein!“ Todesangst packte das Mädchen urplötzlich. „Werden sie uns nicht doch entdecken?“ „Nein, wir sind durch den Zauber unsichtbar für sie.“ „Aber wenn sie reinkommen und hier runter?“ „Das lassen die Gäste des Goldenen Grals nicht zu. Wir sind hier sicher. Doch verhalte dich ganz still!“ Lumniuz und Pia traten noch näher an das schmale Fenster heran. Auf einmal glaubte letztere wieder diese schrecklichen Füsse zu sehen und das direkt vor sich. Die Häscher Maleks kamen tatsächlich her! Ihre dunkle Ausstrahlung rief in dem Mädchen Bilder von Blut, Tod und Verderbnis wach. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. „Geh etwas zurück!“ befahl der Erdgnom. In diesem Augenblick glaubten die beiden das Herz müsse ihnen stillstehen, einer der Dämonen blickte durch das schmale Fenster und...es war als müsse er sie sogleich sehen. Sein Gesicht wirkte schrecklich entstellt und bleich, wie das eines Geistes. Einen kurzen Moment schoss Pia die Frage durch den Kopf wie lange dieser Mensch wohl schon von diesem Dämon besessen war, um so auszusehen. Er schien mehr tot, als lebendig. Die Bosheit hatte seine Züge geprägt. Würde er sie wohl doch entdecken? Doch der Diener Maleks sah sie nicht. Er erhob sich wieder und folgte seinen Gefährten in den Schankraum. „Sie sind drin!“ flüsterte Lumniuz. „Wir müssen jetzt mucksmäuschenstill sein.“ „Aber, wenn sie sich nicht aufhalten lassen?“ „Sie werden, glaube mir, sie werden. Die Macht vereinter Naturgeister ist gross und wir halten zusammen.“

Es drang nun Geschrei und Gepolter von oben zu ihnen herab. Dort musste ein heftiger Kampf im Gange sein. Manchmal glaubte Pia Winde pfeifen zu hören, dann wieder Wasserrauschen, dann das Prasseln eines Feuers. „Sie kämpfen mit allen Mitteln,“ sprach der Erdgnom mit Genugtuung in der Stimme. „Die Häscher Maleks werden bald das Weite suchen.“

Tatsächlich kehrte nach einiger Zeit wieder Stille ein und Pia glaubt im Halbdunkel der Mondnacht mehrere Schwarzen Umhänge davoneilen zu sehen.

„Sie sind vertrieben worden,“ meinte Lumniuz mit vollkommener Sicherheit. „Ich glaube kaum dass sie nochmals zurückkehren. Du solltest jetzt auch schlafen. Es ist spät.“


Der geheimnisvolle, blaue Kristall


Tatsächlich erwachten die Geschwister am nächsten Tag wieder unbehelligt. Pia hatte Benjamin schon alles erzählt was sie letzte Nacht erfahren und erlebt hatte.

Sie standen sofort auf und gingen zusammen mit Lumniuz in den Schankraum. Ein dicker Mann mit einer weissen Schürze, schütterem blonden Haar, roten Wangen und liebenswürdigen Augen empfing sie. „Kelwin!“ rief der Erdgnom erfreut und die beiden klopften sich auf die Schultern. „Das letzte Nacht war toll! Ihr habt uns gerettet!“ Er wandte sich auch an die andren Gäste, ungefähr wieder dieselben, die sie gestern gesehen hatten. „Vielen Dank auch euch! Dafür gebe ich eine Runde aus.“ Gejohle erhob sich. „Das hier!“ sprach Lumniuz wieder an den Wirth gewandt „sind übrigens die besonderen Turner Kinder. Tische ihnen das beste Frühstück auf, das du zu bieten hast!“ „'Türlich!“ erwiderte Kelwin gutgelaunt. „Setzt euch, setzt euch! Das wird euch vom Hocker haun!“

Die Geschwister machten sich gierig über die frischen Brötchen, den Speck und die Eier her, die Kelwin ihnen auftischte. Es schmeckte wirklich vorzüglich, noch besser als daheim und das wollte etwas heissen, denn sonst war Mutters Frühstück ungeschlagen.

„Was' läuft'n so im Erdreich?“ fragte der Wirth schliesslich an Lumniuz gewandt. „Oh nicht viel Neues. Wie sieht es bei dir aus? „Abgesehn' von dies'n schwarzen Druiden, die sich hier überall rumtreib'n auch nichts Neues. Doch im Zwergn' Reich scheinen sie so ihre Probleme zu habn'. Nich' wahr Sturmius?“ Er wandte sich an einen der Zwerge. Er war klein und stämmig gebaut, trug graue anliegende Hosen und darüber ein langes, graues Hemd mit einem breiten Gurt. Seine braunen Augen waren klein, aber freundlich und, sein Haar und der buschige Bart waren von dunkelgrauer Farbe. Er sass zusammen mit zwei andren, ganz ähnlich aussehenden Männern an einem der Tische. Als der Wirt ihn ansprach, erwiderte er mit tiefer, bekümmerter Stimme: „Ja, wir haben ein Problem mit den Riesen. In meiner Umgebung lebt einer namens Zyklopus, zusammen mit seiner Frau. Sie nehmen sich alles was sie wollen, mit der grössten Selbstverständlichkeit, ohne auch nur im geringsten Rücksicht auf uns zu nehmen. Mein Volk hat keinerlei Chancen gegen sie. Dabei ist das ja ürsprünglich unser Land, wir leben seit Jahrhunderten dort. Die Erdmutter selbst hat es uns einst gegeben. Seit sie da sind kommt mein Volk kaum noch zur Ruhe. Sebius unser Seher versucht mit ihnen zu verhandeln, mal sehen was dabei rauskommt.“ Pia und Benjamin hörten mitfühlend zu, ebenso wie die andren in der Schenke. Es wurde noch über verschiedenes gesprochen, doch nach dem Frühstück drängte Lumniuz zum Aufbruch.

Er führte sie zum Haus an der Westseite des Gasthofes. "Bald werdet ihr meine Heimat sehen,“ sprach er mit einem feierlichen Unterton in der Stimme. Er öffnete die Türe des Gebäudes, und sie standen auf einmal in einem grossen Raum mit mehreren Türen. Der Erdgnom ging zielstrebig auf eine davon zu und drückte die Klinke herunter. Erwartungsvoll folgten ihm die Geschwister...

Eine völlig unbekannte Welt eröffnete sich ihnen nun. Staunend blickten sie in ein weit verzweigtes Labyrinth aus Gängen, die in unzähligen, Wohnhöhlen mündeten, in denen kleine Möbel aus Holz standen. Die Gnome schliefen in Nischen, die man in die erdigen Höhlenwände gegraben hatte. Die Decken der Wohnräume, waren mit Wurzeln durchzogen. Meistens fiel von oben etwas Tageslicht herein, da das Erdenvolk absichtlich darauf geachtet hatte, dass die von ihnen am meisten benutzten Räume, unter Bäumen angelegt waren, zwischen deren Wurzeln etwas Helligkeit hereindringen konnte. Es gab viele Ein- und Ausgänge, welche sehr gut versteckt lagen. Die Geschwister staunten, wie geschickt und durchdacht dies alles war. Die Erdgnomen verstanden es offensichtlich, durch Formen, Licht und Schatten, allem ein heimeliges Aussehen zu verleihen, ohne seinen natürlichen Charakter zu zerstören. Teilweise war es etwas dunkel für die Kinder, aber Lumniuz hatte vorsorglich eine Fackel mitgenommen, auch wenn er sie selbst nicht brauchte, denn er konnte als Erdgnom im Dunkeln ziemlich gut sehen. „Wir werden noch kurz beim Ältesten meines Volkes vorbeischauen, sein Name ist Mungoluz. Er will euch sehen und euch in seinem Hause bewirten. Er ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Dort hinten in jener grossen Wohnhöhle mit den grossen Tropfsteinsäulen lebt er.“

„Habt ihr keine Trennwände oder Türen?“ fragte Pia. „Nein. Sowas brauchen wir nicht, wir sind wie eine grosse Familie. Keiner würde einem andern etwas tun, oder wegnehmen. Die Wohnhöhle von Mungoluz, bildet das Zentrum unseres Reiches, das in verschiedene Bereiche aufgeteilt wird.Es gibt das Nordreich, das Südreich, das Westreich und das Ostreich. Mungoluz geniesst hohes Ansehen bei meinem Volk. Für mich ist er wie ein Vater und mein Mentor. Er wird sich riesig freuen euch kennenzulernen.“

Sie betraten die Höhle mit respektvoller Bedächtigkeit. Ein uralter Erdgnom mit runzeliger Haut, hellgrauem Bart und aquamarinblauen Augen, sass in deren Zentrum auf einem Schaukelstuhl. „Dürfen wir eintreten?“ fragte Lumniuz höflich. „Ich habe die Turner Kinder bei mir. Du wolltest sie doch sehen.“ Mungoluz, der bisher eher zusammengekauert in seinem Stuhl gesessen hatte, straffte nun seine Schultern und richtete sich kerzengerade hin. In seine Augen glomm ein Funken der Freude auf. „Oh ja! Kommt nur rein, keine falsche Bescheidenheit! Setzt euch neben mich, ja dort auf die Stühle!“ Etwas scheu traten die Geschwister näher. Sie waren sehr beeindruckt von der charismatischen Persönlichkeit dieses doch recht kleinen Mannes. „Es ist mir wahrlich eine Ehre, euch kennenzulernen!" sprach er mit angenehmer Stimme. „Wie gefällt es euch in unserem Reich?“ „Es ist sehr schön hier,“ gaben die Geschwister zurück. Sie blickten sich in dem Gewölbe um, das von mehreren mächtigen Tropfsteinsäulen getragen wurde. In seiner Mitte gab es eine Öffnung, durch die Tageslicht hereinfiel, das einen weisslichen Kegel auf den festgestampften Erdboden, direkt zu ihren Füssen, warf. Die Wurzeln eines mächtigen Baumes durchzogen die Wände. „Wir leben ganz im Einklang mit der Natur," sprach Mungoluz, während er ihnen gesüsstes Brot und Wurzeltee auftischte. „Schon seit Generationen fühlen wir uns im Schoss der Erde geborgen und leben in Harmonie miteinander und mit diesem Element. Wir wurden aus ihm geschaffen und sind dazu bestimmt es zu bewahren und uns mit unserem Leben dafür einzusetzen. Das ihr hier seid ist etwas Aussergewöhnliches. Kaum ein menschliches Auge, erhielt jemals Einblick in unser Reich. Bedenkt dass ihr etwas ganz Besonderes seid. „Wie war eure Reise bisher?“ fuhr er dann im Plauderton fort. „Oh, abgesehen von diesen Schwarzen Druiden, die uns an den Kragen wollten ganz gut,“ erwiderte Benjamin. „Wir hatten ja einen hilfreichen Begleiter.“ Er blickt zu Lumniuz herüber. „Ja Lumniuz ist der beste Mann für diese Aufgabe. Er kennt den Ort zu dem er euch bringen wird, besser als wir alle.“

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media