Das kristallene Medaillon (Teil 6)

„Was aber ist unser genaues Ziel?“ wagte Pia zu fragen. „Wir wissen, dass wir den blauen Kristall aufsuchen müssen, damit er uns das Tor öffnet, zu einem besonderen Ort.“ „Hat euch Lumniuz darüber nichts Näheres  gesagt?“ „Bisher nicht, nein.“ „Oh, dann will ich es tun. „Euer Ziel ist das sogenannte Kristallreich. Es wird beherrscht von einem grossen, gütigen Zauberer namens Ululala. Er wird euch unter seine Fittiche nehmen und euch vorbereiten...“ „Vorbereiten? Aber auf was?“ „Das weiss nur er genau. Ich kann nicht mehr dazu sagen, als dass ihr sehr wichtige Dinge bei ihm lernen werdet.“ Wieder nur eine halbe Antwort. Die Geschwister fühlten wie die Neugier ihnen unter den Nägeln brannte, aber sie wussten, dass sie hier keine weiteren Informationen erhielten. „Irgendwas hat es jedenfalls mit Malek und den durch ihn Verbannten zu tun,“ meinte Lumniuz erklärend. „Leider müsst ihr weitere Antworten abwarten. Jedenfalls kann ich euch zumindest sagen, wie unsere weitere Reise aussehen wird: Das Kristallreich ist erneut in einer andren Ebene als diese Welt hier. Wir müssen Morgen genau zur dritten Stunde beim Kristall sein, dann nämlich öffnet sich durch ihn das Tor zur Kristallwelt. Das geschieht nur alle 5 Jahre einmal. Darum müssen wir uns beeilen. Der grösste Teil des Weges führt durch das Erdreich. Ich habe diese Reise schon mal angetreten, als ich noch ganz jung war, etwa so alt wie ihr. Ich war einst Lehrling bei Ululala.“ Dies sagte er mit einer seltsamen Rührung in der Stimme. „Ich habe meinen Meister schon so lange nicht mehr gesehen und freue mich deshalb sehr, dass ich euch begleiten darf. „Lumniuz ist wahrlich der beste Führer für euch," sprach Mungoluz. „ Er ist geschickt und klug. Das wird euch von Nutzen sein, denn es kann sein, dass euch noch einige Gefahren auf eurem Wege begegnen. Lasst euch auf jeden Fall durch nichts von eurem Ziele abbringen.“

„Wir werden uns Mühe geben,“ versprachen die Geschwister. „Ihr sollt über Nacht meine Gäste sein,“ sprach Der Älteste freundlich. „Wir haben extra eine besonders schöne Schlafnische für euch hergerichtet. Gleich dort drüben!“ Er führte sie zu einer stattlichen Nische hinter einer der Säulen. Sie war ausgekleidet mit weichem Tuch und es gab zwei kuschelige Decken und Kissen. „Ich hoffe das ist komfortabel genug für euch. Ich weiss, dass ihr etwas andere Schlafgewohnheiten als wir habt. „Oh das ist wunderbar!“ erwiderten die Geschwister gerührt. „Danke!“ „Dann gehe ich mal in meine eigene Wohnhöhle,“ sprach Lumniuz. „Wir sehen uns dann Morgen früh wieder.“ Und so geschah es...

Nach einem leckeren Frühstück im Hause von Mungoluz, brachen die Geschwister und Lumniuz wieder auf.

Ihr Weg führte sie durch endlose Gänge und viele Höhlen. Schliesslich kamen sie an einen kristallklaren, unterirdischen See. Ein kleines Boot lag hier. Sie bestiegen es und wie durch Geisterhand, begann es sich vorwärts zu bewegen. Fasziniert blickten die Geschwister hinunter in das Gewässer, dessen Boden wie eine Kraterlandschaft aussah. Es war irgendwie seltsam hell hier. Ein phosphoreszierendes, blaues Licht schien vom Grund des Sees aufzusteigen. Es wirkte wundersam magisch. Noch nie hatten die Turner Kinder sowas Herrliches gesehen. Wunder über Wunder begegnete ihnen hier. „Es sind sogenannte Höhlenkristalle, die da so bläulich leuchten,“ erklärte ihnen Lumniuz. „Bald werdet ihr noch mehr von ihnen sehen.“

Tatsächlich begann mit der Zeit die ganze Umgebung in phosphoreszierendem Blau zu funkeln. Es kam, so stellten sie nun fest, von blau-funkelnden Kristalladern, die überall im Fels eingewoben waren. Weissliche Tropfsteingebilde, die den Schein reflektierten und dadurch selbst von innen heraus zu leuchten schienen, schmückten die Decke. Auch zwischen ihnen gab es diese phosphoreszierenden Kristalladern.

Auf einmal schwirrte ein kleines, leuchtendes Etwas zu ihnen herab und setzte sich schliesslich auf Benjamins Schulter. Er und Pia betrachteten es erstaunt und sahen, dass es sich dabei um ein winziges Wesen mit spitzen Ohren und kleinen Flügelchen handelte.

„Wer bist du?" fragte Pia. Das Wesen erwiderte mit seiner hellen Stimme: „Ich bin eine Höhlenelfe und ich kenne euer Ziel. Es ist schön dass ihr vorbeischaut, wir bekommen selten Besuch hier.“ Das Boot auf dem sie sich befanden, schien auf einmal noch schneller über das spiegelglatte Wasser zu gleiten.

Schliesslich kamen sie in eine riesige Grotte. Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, war unbeschreiblich! Überall, schwirrten Höhlenelfen herum und erfüllten die Luft mit herrlichem Gesang. Alle waren daran, die blauleuchtenden Kristalle aus dem Fels zu hauen, durch welche das phosphoreszierende Licht entstand. „Die Höhlenelfen bauen aus diesem Gestein ihre Städte und fertigen daraus Schmuckstücke und Kultgegenstände,“ erklärte ihnen der Erdgnom leise.

Der glasklaren See, der im Lichte der blauen Kristalle zauberhaft glitzerte, erweiterte sich hier noch zu einem grösseren See. Das leuchtende Wesen, sprach: „Dort hinten geht es weiter, aber Lumniuz kennt sich hier ja aus. Immerhin war er einst ein Lehrling Ululala's.“ „Ihr kennt diesen Zauberer auch?“ fragte Benjamin. „Aber natürlich!“ erwiderte die Elfe und stiess ein helles Lachen aus. „Wer kennt ihn nicht! Er ist unser aller Freund.“ „Ihr habt ihn mal getroffen?“ „Ja, manchmal besucht er uns hier.“ „Aber ich dachte er lebt in einer anderen Welt?“ „Ja. Aber das ist kein Hindernis für ihn, er kann fast überall hin.“ „Aber wie das?“ „Er ist ein grosser Meister, ein grosser Meister beherrscht die Sphärenwanderung und kann zwischen den Welten wandeln.“ „Er kann natürlich nicht in alle Welten,“ verbesserte Lumniuz „doch in viele.“ „Er wird euch gefallen,“ sprach die Höhlenelfe zu den Kindern. „Grüsst ihn von uns, ja?“ Die Geschwister nickten, dann schwebte die golden glänzende Elfe wieder davon.

Noch eine Weile, konnten die Freunde die leuchtenden Körper dieser einzigartigen Wesen bei der Arbeit beobachten, und ihrem Gesang lauschen, welcher sich zwischen den vielen Tropfsteinen verfing und so ein atemberaubendes Echo erzeugte. Sie waren vollkommen überwältigt von all dieser Herrlichkeit und sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie träumten oder wachten. Der See wurde mit der Zeit zu einem schmalen Kanal, der nun eine leichte Strömung aufwies. Er schien auf etwas zuzustreben, auf etwas, das von grosser Wichtigkeit sein musste.

Doch sie hatten nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn auf einmal leuchtete ihnen ein besonders intensives, blaues Licht entgegen. Und dann sahen sie die Stadt der Höhlenelfen, die in einer riesigen Grotte lag! Alles war aus dem phosphoreszierenden Höhlenkristallen gefertigt und funkelte in zauberhaftem Licht. Die Geschwister mussten sich setzen, sie starrten auf die hunderten von Gebäude, die den Kanal links und rechts säumten. Diese waren mit herrlichen Ornamenten und Erkern verziert. Man hatte sie terrassenartig übereinander angeordnet, so dass die obersten Häuser fast die Höhlendecke berührten. Grosse Statuen standen entlang des Ufers, mit Sonnenkronen und reichen Gewändern geschmückt. Sie waren so liebevoll angefertigt, dass man sie fast für lebendig halten konnte. „Das sind die Töchter der Sonne,“ erklärte Lumniuz ehrfürchtig. „Die alten Legenden der Höhlenelfen besagen, dass auch sie einst zu ihnen gehörten. Doch dann entbrannte ein Streit unter dem Sonnenvolk. Einige von ihnen, die sich gegen die ewig Ordnung auflehnten, mussten ihre einstige Heimat verlassen. Fortan sollte das Sonnenlicht tödlich für sie sein. Seit Jahrtausenden leben diese Geschöpfe nun hier, Nachfahren der Abtrünnigen. Doch sie begannen sich wieder ihrer Herkunft zu besinnen und diese zu ehren. Darum fertigten sie diese Statuen der Sonnentöchter an. Sie sind zugleich Mahnmal und Hoffnungsträger. Denn einst am Ende der Zeiten, so sagt die Legende, werden die Höhlenelfen erneut aufsteigen und ihren Platz inmitten des Sonnenvolkes einnehmen.

Seht ihr den grossen, Tempelbau, der alle andern Gebäude überragt?“ Die Kinder nickten schweigend, denn ihnen fehlten buchstäblich die Worte. Eine filigrane Sonne, deren Licht alles zu überstrahlen schien, befand sich auf dem Dach des besagten Baus. „Diese Sonne ist Symbol für die Herkunft der Höhlenelfen. Zugleich aber stellt sie auch den Schöpfer dar, der über alles wacht. Die Sonne wird oft symbolisch für Ihn genommen. Ihr werdet sowas noch öfters sehen, vielleicht in etwas abgewandelter Form.“

Die Geschwister hörten gebannt auf die Worte des Gnoms und sie fühlten tiefes Mitgefühl für diese Höhlenelfen, die diese einzigartige Stadt gebaut und bevölkert hatten.

Gerne wären sie noch länger geblieben, doch sie mussten weiter, denn die Zeit drängte.

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